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Kia

Über die Bedeutung von Kinderbüchern

Ich möchte dir erzählen, welche Kinderbücher mich geprägt haben, welche Erfahrungen ich in einem Job in einer Grundschule gemacht habe und wieso Bücher für Kinder ein bedeutsames Medium waren, sind und bleiben werden.

Kinderbücher können viel. Sie können inspirieren, antreiben, einen Menschen formen, ihn aber auch in die Enge treiben, negativ beeinflussen oder schädigen.

Lass mich dir aber zunächst Vergangenheits-Kia vorstellen, indem wir in die Neunziger zurückreisen.

Über die Bedeutung von Kinderbüchern - persönliche Lesegeschichte von Kia
Kinderbücher waren ein wichtiger Bestandteil meiner Kindheit.

Kias Lese-Historie

Hi, ich bin Kia. Ich bin Schriftstellerin und lese aus meinen Büchern vor. Lasst mich lügen: Meine erste Lesung hatte ich 2017, als ich auf der Leipziger Buchmesse ausgestellt habe. Aktuell organisiere ich Gemeinschaftslesungen in Hannover; "Leoguna" stößt auf sehr viel Begeisterung.

Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Meine erste Lesung hatte ich mit 10 in einem Seniorenheim. Als junge Mitmacherin war ich das Highlight der Veranstaltung. Ich las "Der Minizauberer"; eine Geschichte, die ich damals für den Abend liebevoll Buchstabe für Buchstabe in verschiedenen Farben gestaltet habe.

Die prägendsten Kinderbücher in meinem Leben

Ich erinnere mich noch ganz genau an meine Lieblingsbücher. Madita, die Kinder aus Bullerbü, Ronja Räubertochter, alle von Astrid Lindgren. Ich erinnere mich an die Häuser, die Luft, wie sie roch und die Kinder, wie frech und clever sie waren. All die dreidimensionalen, warmen und lebensechten Erinnerungen – und das ganz ohne Film.

Kurz vorher, noch bevor ich lesen konnte, gab es ein Disney-Buch mit vielen Bildern. Es ging um Arielle, und ich liebte und liebe bis heute jede Seite davon. Meine Mutter hat mir nicht mehr vorgelesen, seit mein jüngster älterer Bruder in der Schule war, und fortan las er mir vor. Ich war unfassbar genervt davon, dass er seinen Finger unter den Worten entlangfuhr, denn dabei konnte ich mich nicht genug auf die Bilder konzentrieren, nicht richtig in die Tiefsee eintauchen. Also nahm ich ihm das Buch weg, und nach einem riesigen Streit habe ich gemerkt, dass ich das Buch selbst lesen konnte.

Damals war ich fünf Jahre alt, und ich wurde infiziert. Das Lesefieber suchte mich heim, und ich habe angefangen, Bücher zu verschlingen. Es gibt kein Buch, das ich nicht mindestens zwei Mal gelesen habe.

Hemmnisse im Kindergarten

Im Kindergarten gab es aber Ärger. Ich solle lieber wie die anderen Kinder im Sandkasten spielen, mich mit den Kindern sozialisieren oder etwas malen, statt zu lesen. Eine verachtenswerte Einstellung und ein Verbot, dessen Problematik sich mir erst im Grundschulalter, als ich zum ersten Mal mit Unterforderung konfrontiert wurde, erschloss. Ich schwor mir, eines Tages selbst mit Kindern zu arbeiten und sie zu animieren, sich so schnell zu bilden, wie sie es wollen.

Dann ist da noch eine Erinnerung. Eine Schülerin aus der Parallelklasse hat im Kindertheater Ronja, die Räubertochter gespielt. Ich war sofort aufgeregt und dachte, es gäbe eine Berühmtheit in meinem Grundschuljahrgang – irgendwas hat das in mir bewegt. Ich begann, über Bücher zu reden.

Ich habe also schon früh bemerkt, wie lebendig Kinderbücher sein können, und wie wichtig es ist, über Bücher zu sprechen. Es erfüllt mich, und daher müssen diese Anekdoten meiner Kindheit auch unbedingt in diesen Artikel.

Lese-Historien als tiefgründige Begegnungen

Jeder, der meine Lese-Historie gelesen hat, hat mich sofort auf einem sehr persönlichen und tiefgründigen Niveau kennengelernt. All diese Geschichten meiner Kindheit beziehen sich "nur" auf das Lesen. Dennoch deuten sie meine Entwicklung an und zeigen, was wichtig war, worin mich die Menschen und die Bücher geformt und vielleicht auch negativ beeinflusst haben. Optimal wäre es gewesen, bei der Lektüre von Erwachsenen begleitet zu werden. Das ist in meiner Vergangenheit nicht geschehen. Aber das Versprechen, das ich mir im Kindergarten aus Trotz gegeben habe gilt immer noch: Eines Tages, da will ich auch mit Kindern arbeiten und sie fördern, statt ihnen eine Fähigkeit zu verbieten.

Über die Bedeutung von Kinderbüchern - Kinder sind kleine Erwachsene
Kinder wirken für mich leider viel zu oft wie kleine Erwachsene.

Herzlich Willkommen in der Gegenwart – mein Grundschul-Schock

Ich bin weder Erzieherin noch Lehrerin geworden. Obwohl ich ein Lehramtsstudium erfolgreich abgebrochen habe, hatte ich spätestens ab der Pubertät kein Interesse mehr daran, mit Menschen, schon gar nicht mit Kindern, zu arbeiten.

Grundschulen in der heutigen Zeit

Trotzdem habe ich es getan. 2017 habe ich ehrenamtlich in der Grundschule meines Stadtteils gearbeitet. Dabei habe ich die Nachmittagsbetreuung mit einer Musik-AG bereichert und mit den Kindern die Hausaufgaben gemacht.

Die Schüler waren erschreckend unmodern. Es schien, als sei ich in die Neunzigerjahre zurückversetzt. Mädchen spielen Pferde, Jungs spielen Fußball. Mädchen können keinen Sport, und Jungs, die anders waren, konnte man mit "schwul" beschimpfen. Cool ist, wer beim großen Bruder Ego-Shooter ab 16 gespielt hat, und eklig ist das andere Geschlecht natürlich.

Kinder sind kleine Erwachsene

Aber eines war anders. Die Kinder kamen mir nicht wie Kinder vor. Ich dachte, als 24-Jährige hätte ich genügend Abstand, um die Kinder ohne pädagogische Ausbildung irgendwie "von oben herab" zu sehen, aber dem war nicht so. Die Kinder waren und sind nichts anderes als kleine Erwachsene. Kleine Comiczeichner, die unermüdlich an ihrem eigenen Verlag arbeiten. Junge Schriftstellerinnen, deren Ehrfurcht und Begeisterung ansteckend wirken.

Einerseits freue ich mich darüber, dass Grundschulkinder heute so reflektiert und kreativ sein können, andererseits habe ich auch die negative Seite dieser kleinen Erwachsenen gesehen: Ein Junge weinte, weil er jeden Tag von 7 bis 18 Uhr in der Grundschule bleiben musste und nicht mit seinen Freunden, die an eine andere Schule gingen, spielen konnte. Das klang für mich schon fast nach Burn-Out. Eben in einer kleineren Version.

Es macht mich traurig, dass Kinder so viel leisten müssen. Der gesamte Tag ist, ob mit Stunde Null und Spätbetreuung oder "nur" mit Unterricht von 8 bis 15 Uhr im 45-Minuten-Takt geplant. Alle 45 Minuten kommt etwas anderes. Die Klassenräume sind reizüberfordernde Wimmelbilder, und selbst Hausaufgaben (die selbstverständlich in der Schule unter Aufsicht erledigt werden), das Mittagessen und freie Bewegungszeit sind in diese jeweiligen 45 Minuten gepresst.

Die Kinder müssen abliefern. Wer nicht ins System passt, kommt nicht aufs Gymnasium. Als Gegenmittel zu diesem Druck sind Kinderbücher umso wichtiger. Einfach mal entspannen, die Fantasie anregen, die Seele baumeln lassen – Kind sein und dabei geistig weiterkommen. So sehe ich die Bedeutung von Kinderbüchern.

Ich habe versucht zu helfen

Mein Ziel, Kinder zu fördern und nicht einzudämmen, habe ich schließlich auf Kosten des eigenen Jobs durchgeführt.

Die Matheaufgaben sollen 90 Minuten dauern heute, ihr könnt euch aber nach sechs Schulstunden nicht konzentrieren? Arbeitet zwanzig Minuten hochkonzentriert, beweist mir mit kleinen Vorträgen, dass ihr das Prinzip verstanden und geübt habt, und schreibt den Rest von den anderen ab.

Du willst mal ausprobieren, wie das so ist, auf dem Klavier rumzuspielen, aber das Klavier ist ein Erwachsenen-Instrument und Kinderhände haben daran nichts zu suchen? Ich bleibe zehn Minuten länger und wir spielen zusammen ein bisschen, wenn die anderen weg sind. Vielleicht zeige ich dir eine einfache Tonfolge, die schon fast ein ganzes Lied ergibt, wenn du Lust darauf hast.

Selbstredend, dass ich mit sehr freundlichen Worten und indirekten Aufforderungen hochkant gegangen worden bin, zumal ich den Kindern vor allem beigebracht habe, dass sie nicht immer stumm die Regeln befolgen müssen.

Über die Bedeutung von Kinderbüchern Kinderbücher können gefährlich werden
Nicht alle Kinderbücher sind Gold.

Kinderbücher können gefährlich werden

Ich habe bereits beschrieben, dass mir aufgefallen ist, dass Jungs und Mädchen noch immer krass getrennt werden. Für mich sind alle Menschen gleich, weshalb ich mich auch nicht als Feministin, sondern eher als Antisexistin bezeichnen würde. Diesen Grundansatz habe ich in mir, auch wenn ich Bücher lese. Ich lese weder drei gute Bücher von Männern noch drei gute Bücher von Frauen, ich lese drei gute Bücher.

Sexismus in Kinderbüchern

Dann las ich aber "boy2girl", ein Buch, das auch in der Schule gelesen und besprochen wird.

Und, was soll ich sagen? Weder Buch noch das Schulmaterial dazu thematisieren, wie sexistisch dieses Buch ist. Der Junge, um den es in dem Buch geht, gibt sich wegen einer Mutprobe an seiner neuen Schule als Mädchen aus. Und Mädchen, das sind die mit hohen Stimmen und einem Rock. Dicke Kinder sind die, die ständig fressen, und Jungen können nichts mit Mädchenzeug anfangen. Ganz grausam, dieses Buch, obwohl es gut geschrieben und schön zu lesen ist.

Dabei denke ich wieder an meine eigene Kindheit. Neben Kommissar Spaghetti gab es da nämlich noch ein Buch, das ich mit drei oder vier Jahren vorgelesen bekommen habe: "Papa kocht". Es ging um einen Familienvater, der versucht, Spaghetti zu kochen. Natürlich schafft er das nicht, denn eigentlich arbeitet er Vollzeit und ist nie da, und nur Mama kann kochen, und die Spaghetti landen im Abfluss, weil er zu doof ist, ein Sieb in die Spüle zu stellen. Das Buch ist super sexistisch, war für mich in der Kindheit aber witzig. Wir lasen es tausende Male.

Falschdarstellungen und Angst

Ein weiteres Buch, das ich an dieser Stelle erwähnen möchte, ist "Einmal Mondstern und zurück". Es enthält gefährliches Halbwissen, soll eigentlich das Thema Tod auf romantisch-schöne Weise behandeln und laut Aussage des Verlags nur von Kindern im Dialog mit ihren Eltern gelesen werden. Doch die Kernaussage ist, dass du ins Heim gesteckt wirst, keine Menschenrechte mehr hast und misshandelt wirst, während alle anderen wegschauen, sollten deine Eltern sterben. Die Geschichte ist voll von Redundanzen und schürt Ängste.

Kinderbücher können gefährlich sein! Ich will nicht wissen, wie die Lese-Historie von Kindern geprägt werden kann, die sexistische, angsteinflößende oder schlichtweg gemeingefährliche Bücher lesen würden.

Deshalb ist es wichtig, dass das Vorlesen und Lesen für Eltern und Kinder zum Ritual wird und dass über Bücher gesprochen wird, vor allem inhaltlich. Kinder sind nichts anderes als kleine Erwachsene. Man kann ihnen Fragen stellen, nachhaken, wie sie etwas verstanden haben, und somit spielerisch in Erfahrung bringen, was sie sich wünschen, wovor sie Angst haben und womit sie sich innerlich beschäftigen.

Liebe Eltern, lest Kinderbücher vorab selbst!

Dabei spreche ich nicht nur von Material wie meiner Top 3 der gefährlichsten Kinderbücher. Was ist mit den Disney-Prinzessinnen, die sich für Kleider, Schönheit und den Prinzen ihrer Träume interessieren? Was ist mit den Mädchen, die Jungen lieben? Mit den Pferde-Geschichten nur für Mädchen, mit den Fußballgeschichten nur für Jungen, was ist mit schwierigen und großartigen Themen wie Tod, Scheidung der Eltern, Freunde finden, Abenteuer in der Schule meistern ...? Wir sollten viel mehr Kinderbücher vorlesen und dem Ritual des Lesens, aber auch des Fernsehens oder Spielens eine Besprechungsrunde zufügen.

Es ist unsere Aufgabe, unsere Kinder zu fördern, zu fordern und nicht nur auch, sondern gerade dadurch auch zu beschützen.

Über die Bedeutung von Kinderbüchern - lest euren Kindern vor
Beschäftigt euch mit Büchern!

Mein Fazit

Kinderbücher bleiben ewig im Gedächtnis. Sie prägen uns, ohne dass wir das wollen oder bemerken. Als Erwachsene können wir die Kleinsten unter uns so sehr formen und beeinflussen, im Guten wie auch im Schlechten, auch wenn das bedeutet, manchmal aus den Regeln auszubrechen.

Lasst uns über Bücher sprechen.

Man sollte über Bücher sprechen, mindestens bis zum Jugendalter. Kinderbücher können schlechte Inhalte vermitteln, verstören und das Kind in die falsche Richtung drängen. Eltern müssen über die Bücher Bescheid wissen und unbedingt Rezensionen aufBuchblogs im Vorfeld lesen und sich nach dem Buchkauf intensiv mit den Werken beschäftigen. Dabei kann man auch viel über die heutige Erziehung und die Probleme der Jugend lernen.

Wir können Kinder nicht abstellen. Weder vor den Fernseher, noch vor Kinderbücher. Der Dialog ist das Wichtige. Wir müssen über Bücher sprechen, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes von Anfang an. Ich finde, dass Vorlesen heutzutage noch wichtiger ist als früher, da die Kinder schon in Grundschulen unter Leistungs- und Leidensdruck stehen. Kinderbücher regen die Fantasie an, geben ein ruhiges Ritual voller Nähe und Wärme.

Das habe ich mit und von Kindern gelernt

Was ich aus meinem Grundschul-Job gelernt habe: Bücher inspirieren, eigenschöpferisch tätig zu sein. Lasst euren Kindern das Hobby, ermutigt sie, und bitte, bitte, wenn sie euch sagen, dass sie Schriftstellerin, Comicbuchverleger oder Pianistin werden wollen: Lasst ihnen ihre Träume. Das sind "anständige Jobs". Ich denke, 95 % derjenigen, die diesen Text bis hierhin gelesen haben, kennen weder mich noch meine Bücher, ich bin unbekannt und "klein". Dennoch kann ich vom Schreiben leben.

Und wenn es nicht die Schriftstellerei wird, werden die Kinder eben Werbetexter, Journalisten, Blogger, Lektoren, Verlagsmitarbeiter, Marketingprofis, Druckereiinhaber, Redenschreiber, Redakteure, Drehbuchautoren ... ganz, ganz schlimme Berufe, die wir den Kids unbedingt ausreden müssen, weil sie nicht anständig sind. Kappa.

Im Schreiben und Lesen liegt der Ursprung der Zukunft. Fördert es!

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