avatar
Buchensemble

Antagonisten – Gegengewicht und stilles Herzstück einer Geschichte

Wir vom Buchensemble haben uns Gedanken macht, was uns beim Lesen begeistert, welche Figuren uns bewegen und zum Weiterlesen animieren. Eine besonders spaltende Rolle kommt in vielen Geschichten dem Antagonisten zu.

Der Antagonist oder die Antagonistin bildet den Gegenpol zum Protagonisten, ist Gegenspielerin, Feind, Nervensäge oder schlicht und ergreifend das Böse in Person. Ich habe mich mit der Frage befasst, was eine gute Antagonistin eigentlich ausmacht und auch unsere Rezensierenden dazu befragt.

Antagonisten
Antagonisten – was hat das Buchensemble zu ihnen zu sagen?

Das macht einen glaubhaften Antagonisten aus

Kia sagt: “Ein guter Antagonist hat legitime und verständliche Ziele, die denen des Protagonisten im Weg stehen.“

Das sagt unsere Redakteurin Kia und liefert eine nahezu lupenreine Definition des Gegenpols zum Protagonisten. Zugleich stellt sie klar, dass ein Antagonist nicht in einem emotionslosen, luftleeren Raum agieren sollte. Einen Gegenspieler mit einer nachvollziehbaren Handlungsmotivation auszustatten, ist für alle Rezensentinnen, wie auch für Dean der Kern einer glaubwürdigen Figur.

Übrigens hat unser Rezensent Dean auch einen ganz klaren Favoriten unter den Antagonisten. Auf die Frage, welcher der coolste aller Bösewichte sei, antwortete er: „Darth Vader – ob Film oder Buch, er ist der Coolste.“

Ich muss gestehen, an dieser Antwort zweifelte ich zunächst. Denn ich räumte Darth Vader in eine Reihe mit Sauron und Lord Voldemort, Antagonisten, die das Böse an sich verkörpern, und unserem Anspruch nach schwache Gegenpole darstellen. Allerdings musste ich einsehen, dass selbst diese Antagonisten über nachvollziehbare Gründe für ihr Handeln verfügen. Na gut, außer Sauron, der ist wirklich einfach böse. Aber Darth Vader und Lord Voldemort haben eine Geschichte, die den Lesenden sehr ausführlich dargelegt wird und ähnliche Gewichtung erhält, wie die Hintergründe des jeweiligen Protagonisten.

Diese Antagonisten findet das Buchensemble am coolsten:

S. M. Gruber sagt: “Raffael aus ‚Dunkelgrün fast schwarz‘ fällt mir da als erstes ein. Er hat auf jeden Fall eine gehörige Persönlichkeitsstörung, die andere regelrecht in den Wahnsinn treibt. Die hypnotisierende Wirkung, die er auf andere ausübt, gepaart mit einer gewissen Grausamkeit macht ihn zu einem sehr spannenden Antagonisten, über den man immer mehr wissen will.”

Curly sagt: “Joe aus „You – du wirst mich lieben“ von Caroline Kepnes. Er ist ein Psychopath und auf seine skurrile Weise ein Gentleman, in den es sich zu Beginn des Buches leicht verlieben lässt. Diese Art von Mann zieht zumindest mich an, wie Motten zum Licht – jedenfalls so lange, bis Kepnes‘ Leser*innen hinter Joes Absichten kommen.”

M. D. Grand sagt: “Also ich persönlich habe ja ein Faible für Loki. Er ist nicht so richtig böse, aber verfolgt halt seine Ziele recht rücksichtslos. Dabei schafft er es trotzdem immer sympathisch zu bleiben, mit seiner trickreichen Art und seinem verrückten Verräter-Charme. Egal in welchem Buch oder Film: Kerle wie Loki sind genau mein Typ.”

Kia sagt: “Ich muss gestehen, mir ist noch kein cooler Antagonist begegnet. Ich habe ein sehr schlechtes Verhältnis zu Antagonisten. Daher schreibe ich gerade selbst eine Antagonistin, die so richtig cool ist. Daher habe ich sie auch nach unserer Rezensentin M. D. Grand benannt.”

Was für uns einen schlechten Antagonisten ausmacht

Wenn man Protagonist und Antagonist von der Gut-gegen-Böse-Idee löst, ließen sich vermutlich auch einige Probleme lösen, die auftreten können, wenn Gegenspieler nicht gut gestaltet wurden. Unsere Rezensent*innen haben nämlich auch sehr klare Vorstellungen davon, wie ein Antagonist NICHT zu sein hat. Einige ihrer Statements lassen darauf schließen, dass sie leider schon viel zu häufig mit der schlechten Sorte Antagonist konfrontiert wurden.

Marlen, die ohnehin für ihre humorvollen und ironischen Verrisse bekannt ist, liefert dazu einen eindeutigen Bericht.

Marlen sagt: “Stereotype Beschreibungen, am besten auch noch Vorurteilsbehaftet, also zum Beispiel das irre Lachen (ich meine, wer mach denn sowas?!), das sinnfreie Pläne-Verraten, das Böse-um-der-Boshaftigkeit-Willen und dann auch noch ohne Hintergrundgeschichte und Motive. Und weil sie ja nur böse sind, lassen sie sich auch von jedem dahergelaufenen Trottel von Protagonisten besiegen. Klar.“

Ich halte Klischees ebenfalls für das Schlimmste. Ein Antagonist, dem man von Weitem bereits ansieht, dass er böse ist und der am besten auch noch schlecht riecht. Oder das Gegenteil, die überschöne, blendend perfekte böse Königin. Dean nennt als die fehlenden Eigenschaften für einen nervigen Antagonisten die „Unfähigkeit und wenn er selbst sich und alle anderen ihn nicht ernst nehmen.“

Und damit hätten wir dann einen Baukasten für den schlechtesten Bösewicht der (Buch-)Welt.

Verliebt in den Antagonisten

Unsere Rezensentin Sophie hat eine klare Idee von einem guten Antagonisten.

Im Wesentlichen stimmt sie mit den bereits genannten Punkten überein, liefert jedoch einen weiteren wichtigen Ansatzpunkt: Der Antagonist sollte nicht ausschließlich über negative Eigenschaften verfügen. Für mich persönlich darf ein Antagonist sogar ein bisschen sympathisch sein.

Meine erste Idee zum coolsten Antagonisten, den ich je gelesen habe, war Nerron aus der Reckless-Reihe von Cornelia Funke. Er tritt zunächst als Gegenspieler des Protagonisten auf, gewinnt im Laufe der Bücher jedoch zunehmend Sympathiepunkte bis die Lesenden nicht mehr so recht wissen, ob ihm zu trauen ist. Zugegeben: Ich war beim Lesen ein bisschen in ihn verknallt.

Nach längerem Nachdenken fiel mir jedoch ein weiterer Antagonist ein, der mich ähnlich begeisterte. Ravid aus der Unstern-Reihe von Katrin Ils. Er ist gefährlich, unberechenbar, ziemlich grausam und schafft es wiederholt die Protagonistin Kerra für sich arbeiten zu lassen. Doch bei aller Grausamkeit und Kaltblütigkeit, die der Figur zugrunde liegt, schafft sie es, die Lesenden für sich zu interessieren. Seine Hintergründe, seine Geschichte, warum er so ist, wie er ist, wird in kleinen Häppchen serviert und beinahe ebenso spannend, wie die Handlung selbst.

Hierin liegt meines Erachtens nach die Kunst, einen gelungenen Gegenspieler zu schreiben. Die Lesenden müssen sich für ihn interessieren, ihn gleichzeitig zerfleischen wollen und dennoch mitfühlen.

Antagonist≠Unsympath

Die Sympathie für den Gegenspieler des Protagonisten stellt auch Curly als mögliches Mittel für einen gelungenen Antagonisten dar.

Einen derart kreierten Antagonisten, wie Curly ihn hier beschreibt, halte ich für eine besonders elegante Vorgehensweise. Ich mag es auch am liebsten, wenn gut und böse gar nicht so eindeutig auszumachen sind. Diese klassische schwarz-weiß Malerei ist veraltet und die Lesenden wünschen sich heute komplexere Figuren.

Es liest sich doch auch viel aufregender, wenn alle Figuren bestimmte Ziele verfolgen und dabei einerseits gute wie auch negative Eigenschaften aufweisen. So können unterschiedliche Leser*innen sich letztlich auch mit verschiedenen Figuren identifizieren. Ich gehe sogar soweit und behaupte, dass der oder die Protagonistin nicht einmal sympathisch sein muss. Es ist nur die Figur, aus derer Perspektive eine Geschichte vorwiegend erzählt wird. Dementsprechend kann der Charakter des Antagonisten positiv erscheinen.

Mir ist bewusst, dass Antagonisten ein bewegendes Thema sind und über einzelne Repräsentanten gerne ausgiebig diskutiert wird.

Deshalb frage ich nun euch: Wie sieht der perfekte Antagonist aus? Wollt ihr immer gleich wissen, woran ihr bei einer Figur seid oder mögt ihr auch die Rätselhaften?

P.S.: Bei Neobooks gibt es neben Charakterbögen eine Anleitung für den perfekten Antagonisten. Willst du mehr über das Thema erfahren und deine eigene Meinung vertiefen, ist diese Seite womöglich das Richtige für dich.

Den Artikel von Wiebke kannst du beim Buchensemble mit allen Zitaten nachlesen.

  • Antagonist
  • Antagonisten
  • Bücher
  • Autoren
  • Schreiben
  • Schreibtipps
  • Klischees
  • Kontrahent
  • Bösewicht
  • Gegenseite
avatar
NiNa (Nina Jaros)
May 27, 9:01 AM
Sehr schöner Artikel. Ich bin große Verehrerin guter Antagonist'innen. Kia hat eine sehr interessante Defnition, die ich aber ergänzen möchte: Oftmals...
avatar
Buchensemble
May 27, 3:51 PM
Eine gute Ergänzung, danke dir! Wir sind sicher, Kia würde das unterschreiben 😉
avatar
NiNa (Nina Jaros)
May 28, 7:59 AM
Ich habe bereits als Kind eine Faszination für die Antihelden, die Bösen, die Dunklen gehabt und gothseidank habe ich die nie verloren.