avatar
Sandra Oppmann

Betreten erbeten!

Neo_Rauterberg


»Spottbild« (ZEIT), »Protestbild« (Deutschlandfunk Kultur), »Fäkal-Skandal« (Sächsische Zeitung).

Drei Kennzeichnungen für ein Bild, das im Original bislang noch kaum jemand gesehen haben dürfte. Sie beziehen sich auf den Abdruck des Gemäldes Der Anbräuner in der ZEIT 27/19.

Unter der Überschrift »Eine gemalte Replik« findet sich dort die Zuspitzung einer seit Längerem währenden Diskussion, die sich mit dem Buchtitel +Wie frei ist die Kunst? zusammenfassen lässt und im konkreten Fall zu einem öffentlichen Disput zwischen Künstler (Neo Rauch) und Kunstkritiker (Wolfgang Ullrich) stilisiert wird, dabei allerdings mit Karacho am Kern vorbeisaust.

Doch der Reihe nach: Der Kunsthistoriker Ullrich berief sich für seinen Beitrag »Auf dunkler Scholle« (ZEIT 21/19) auf ihn alarmierende Aussagen Rauchs in Wort und Bild und folgerte, dass sich »einige Motive rechten Denkens [...] selbst bei berühmteren Künstlern, allen voran bei Neo Rauch« finden ließen.

Worum es Ullrich in seinem Artikel eigentlich ging, ging unter. Seine Sorge um die Autonomie der Kunst, eigentlich eine Domäne Linker und Liberaler, die nun verstärkt durch rechte Milieus für sich in Anspruch genommen werde, verblasste über zwei Absätzen, die sich ausschließlich auf Neo Rauch bezogen und die Behauptung aufstellten, dieser würde aufgrund seiner Prominenz sowie der ihm vermeintlich eigentümlichen »Mischung aus Radikalität und Pathos, mit der er in Interviews auftritt […] mehr als andere zur Verschiebung des politischen Klimas« beitragen.

Ullrich zeichnet damit ein Bild. Ein Bild eines Malers, das wenig Raum lässt, sondern den Künstler Neo Rauch mit einer Bandbreite von Hunderten an Bildern einengt auf die Formulierung »rechte Gesinnung«. Das ist das Bild, das hängen bleibt.

Der Künstler reagiert, indem er diesem Bild seinerseits ein Bild entgegensetzt.

Die bisherige Lesart: auf das geschriebene Bild des Malers durch den Kritiker folgt ein Bild des Kritikers durch den Maler:

»Wenn Neo Rauch, der Meister der Uneindeutigkeit, ein Bild mit so offenkundiger Botschaft malt, muss ihn etwas wirklich bewegen. Sein jüngstes Werk,Der Anbräunerheißt es, ist nicht nur eindeutig, sondern explizit: Es zeigt einen Maler auf einem Nachttopf, den Hintern blank, er malt mit seinen Exkrementen eine Figur. Erkennen wir einen Hitlergruß? Ja, ganz offensichtlich. Darunter die Initialen: W.U. Der Maler, der hier dargestellt ist, ist kein Maler, sondern ein Kritiker. Das Spottbild soll den bekannten Leipziger Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich zeigen […]« https://www.zeit.de/2019/27/neo-rauch-wolfgang-ullrich-kunst-diskurs

Es kam, wie es (wohl) kommen musste (Teil 1), der Kritiker reagierte seinerseits:

»„Neo Rauch ist ja stolz darauf, dass seine Bilder vieldeutig sind“, sagte Ullrich. „Und ich glaube, er malt in dem Bild sich selbst in der Situation, wo er sich so bedroht fühlt durch diese vermeintlichen Blockwarte und Politkommissare, von denen ich offenbar einer bin.“«

Und er schaltet auf Angriff:

„Ich finde mich selbst so wenig in der Rolle eines Anbräuners. Ich habe Rauch rechte Motive unterstellt, aber ihn keineswegs zum Nazi gemacht – das macht er schon selber.“

Hoppla.

Mit nur einem Halbsatz schwenkt Ullrich von seiner vormaligen Behauptung, Rauch sei „rechts gesinnt“ zur Unterstellung, der Künstler würde sich zum Nazi machen? Oder ist dieser Satz als Bestandteil von Ullrichs Bilddeutung zu verstehen, bei der er den im Bild dargestellten Maler mit dem realen Maler Neo Rauch gleichsetzt, was eine weitere Deutung implizierte, nämlich die, dass dieser Maler im Bild ein Nazi sein müsse, weil der eine Figur zu Papier gebracht hat, deren Armhaltung als Hitlergruß zu verstehen sei?

Eine solche Interpretation hätte sich schon vor einer weiterführenden Betrachtung festgelegt. Die Freude an der Bildbetrachtung hört da auf, wo man anfängt, nach Thesen zur Untermauerung einer bereits im Voraus gefassten Meinung zu suchen. Einmal rundherum hochgemauert, ist der Ausgang rasch unwiderruflich versperrt.

Es kam, wie es (wohl) kommen musste (Teil 2):

Auf die Reaktion des Kritikers folgten die Reaktionen weiterer Kritiker, die ihrerseits in den Rechtfertigungsmodus wechselten; diesmal zur Rehabilitierung des Künstlers bei gleichzeitiger Disqualifizierung des Kunstkritikers, wobei sie sich ihrerseits in der Sicherheit wähnten, es mit dem Anbräuner mit einem eindeutigen Werk zu tun zu haben:

»In dieser unzweideutigen Erwiderung sind Künstler und Kritiker offenbar zu einer Figur verschmolzen, die auf dem beengten Dachboden mit ihren eigenen Fäkalien eine Silhouette auf die Leinwand schmiert, deren rechter erhobener Arm in Richtung des Atelier-Fensters ausgerichtet ist, durch dasHitlervon außen aufmerksam – und wahrscheinlich auch mit Genugtuung ob seiner unverminderten Gegenwart im bundesdeutschen Diskurs – hineinzublicken scheint, während sich am unteren linken Bildrand Ausgaben der taz stapeln.«

Die Debatte verengt sich weiter. Dabei wäre Rettung in Sicht, denn eines eint Rauch und Ullrich: Künstler wie Kritiker sprechen uns direkt an. Neo Rauch überantwortet der ZEIT den Abdruck des Gemäldes zur öffentlichen Ansicht. Entsprechend der Kunstkritiker:

»Ich sehe weniger mich als seinen Adressaten – als vielmehr die Öffentlichkeit insgesamt. Insofern ist es ein mentalitätsgeschichtlich nicht unwichtiges Dokument.«

Als Bestandteil einer »größeren Öffentlichkeit« zeige ich das Bild einer Grundschülerin, die ihrerseits keine Kenntnis der Entstehungsgeschichte hat, und bekomme eine überraschende Deutung:

»Das Grüne sieht aus wie ein verfaulter Apfel und das Fenster sieht aus wie eine Tür und der Tisch wie eine Farbpalette und er sieht eher wie ein Roboter aus, den die schwarzen Leute hinter ihm erfunden haben. Und die Vorhänge sind da, weil sie nicht möchten, dass jemand ihre Erfindung kopiert.«

Der Robotermaler als Erfindung schwarzer Mächte mit unklaren Absichten? Das mag nur dem unpassend erscheinen, der das Gemälde nicht mehr von seinem Entstehungshintergrund zu trennen weiß.

In einem Interview mit Ralph Keuning äußerte sich Neo Rauch einmal zu seiner Wunschvorstellung eines idealen Betrachters (ab Minute 11:30):


»Ich kann nur an meinen idealen Besucher oder meine ideale Besucherin appellieren, sich zu öffnen, und sich, also vor allem die Sinne zu öffnen, den Verstand ruhig ins Hintertreffen geraten zu lassen, nicht diese zerebrale Dominanz walten zu lassen, sondern einfach sich in die Bilder hineinsaugen zu lassen, denn das ist vielleicht genau das, was der von Sphinxen gesäumte Weg zum Tempel hin ist, da anstelle dieser seltsamen Kreaturen wir nur die Bilder setzen und die sind, die sind dazu geeignet, uns rechtwinklig aus unseren dynamischen Alltagsprozessen heraus zu lenken. Und sie bieten Fenster oder Türen oder Tore, durch die wir schreiten können und wir erleben dann einen Moment der Stille und der angehaltenen Zeit, das ist das Allerwichtigste, denn neben der Liebe ist die Malerei wohl die schönste Möglichkeit, die Zeit anzuhalten. Und wenn man den Bildern zu viel abverlangt, zu viel Informationen aus ihnen ziehen möchte, zu viel Haltung und Botschaft, dann tut man ihnen Gewalt an. Genauso wie wenn man als Autor versucht, ihnen eine Botschaft einzuverleiben oder einzumassieren.«

In bisherigen Kommentaren wurden die von Rauch gesetzten Schlüsselreize des Gemäldes postwendend aufgenommen. Ein Journalist interpretiert die männliche Figur als Kritiker und versteht damit das Gemälde als gemalte Replik. Der Kritiker Ullrich bezieht sich auf diese Interpretation und schießt zurück, was wiederum die Nächsten auf den Plan ruft.

Und hier liegt das Problem: die Debatte fokussiert sich auf den Konflikt.

Schade, denn: Rauch zeigt uns, was wir sehen können und wollen. Doch macht er dies mit einer Vielzahl von derart offenkundigen Anspielungen (Hitlergruß, Hitler am Fenster, braune Notdurft, Initialen W.U. usw.), dass man – statt dem vermeintlich eindeutigen Bezug aufzusitzen – stutzig werden sollte. Dazu gehört nicht das Gemälde allein, sondern auch seine Einbindung in den Kontext, von der sich offenbar nur das Kind frei halten konnte.

»Werk und Wirkung wurzeln in der Entstehungsgeschichte und die Entstehung bleibt an den Menschen gebunden, der ein Werk hervorbringt. Das heißt jedoch nicht, dass ein Werk an seinen Hervorbringer gekettet wäre. Es kann über seine Zeit hinausweisen, kann sich in der Rezeption verselbständigen. Es kann seinen Urheber vergessen machen, weil die Rezeption selbst ein Akt der Schöpfung zu werden vermag. Diese geläufige Wahrheit – dass sich das Werk im Auge des Betrachters forme – wird allerdings in den neuen Kulturkämpfen oft beiseitegeschoben.« (Hanno Rauterberg: +Wie frei ist die Kunst?, Berlin 2018)

Der Künstler Rauch malte das Bild als Reaktion auf einen ihn verunglimpfenden Artikel. Das macht es schwierig, aber mitnichten unmöglich, einmal einen Schritt zurückzutreten und den Anbräuner noch einmal mit (kindlicher) Unbedarftheit zu betrachten und es nicht als bloße Rechtfertigung zu verstehen, sondern als Angebot:

Neo Rauch diskutiert nicht über die Kunst, sondern stellt die Kunst zur Diskussion und weist sich damit überdies als präziser Leser von Ullrichs Artikel aus, den er beim Wort nimmt. Ullrich beschließt seinen Beitrag mit der Aussage:

»Autonome Kunst kann und darf mit anderen Weltbildern und Regeln experimentieren. Sie besitzt die Lizenz, beliebige Fiktionen zu entwickeln oder sich allen Erwartungen zu verweigern. Das ist ihre Stärke, und es ist noch nicht zu spät, diese Stärke neu zu entdecken.«

Manch einer mag sich dieser Tage darüber wundern, warum die Person Neo Rauch sich nicht weiter äußern möchte:

»Der Streit zwischen Kritiker und Maler hat in den vergangenen Tagen viele erschreckt, nicht zuletzt wegen der emotionalen Wucht, die in dem Bild von Neo Rauch zum Ausdruck kommt. Für den Maler soll es eine Art Schlusswort sein. Ende der Durchsage. Dabei wäre es längst überfällig, ins Gespräch zu kommen. Über plakativ-ideologische Zuschreibungen einerseits. Und andererseits über eine immer häufiger als erbitterter Kulturkampf ausgetragene Debatte über die Freiheit der Kunst, die dabei leichtfertig aufs Spiel gesetzt wird.«

Dabei bedarf es des Privatmanns Rauch für die weitere Diskussion gar nicht, der Künstler Rauch hat die Tür bereits geöffnet. Sperrangelweit.

  • Neo Rauch
  • Die Zeit
  • Hanno Rauterberg
  • Wolfgang Ullrich
  • Kunstfreiheit
  • Kunst
  • Kunstkritik
  • Anbräuner
  • Sandra Oppmann
  • Leipziger Schule
avatar
NiNa (Nina Jaros)
Jul 3, 7:37 AM
Danke für diesen Artikel. Besonders die Betrachtung der idealen Besucher'innen/Leser'innen beschäftigt mich seit kurzem und da ist dieser Text gerade ...