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Die Mär von der deutschen Einheit

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Elbufer, Dresden. Quelle: Nick 115/ Pixabay

In dieser Woche wird am 3. Oktober der Tag der deutschen Einheit gefeiert. Und natürlich feiern wir auch den dauerhaften Frieden der Nachkriegszeit und insbesondere das Ende der Mauer zwischen Ost und West.

Gleichzeitig sieht Deutschland (und die Welt) derzeit so gespalten aus wie nie zuvor. Die Spaltungen sind weniger welche zwischen den Blockmächten Kapitalismus und Kommunismus sondern Spaltungen innerhalb der Gesellschaften. Weltweit. Zwischen "alten weißen Männern" und "Feministinnen", zwischen jungen Aktivist*innen (mit Gendersternchen) und Monopol-Industrien mit immer noch zu wenigen Frauen in den Aufsichtsräten. Zwischen Almans/Bio-Deutschen und Leuten mit "Migrationshintergrund". Zwischen Stadt und Land. Zwischen Erben und Nicht-Erben, zwischen Mächtigen und Ohnmächtigen, siehe etwa gerade die über 2.000 verhafteten (des "Terrorismus" angeklagen) ägyptischen BürgerInnen. Auch einer der Autoren, mit denen wir in Kontakt sind, Muhammad Aladdin ist verschwunden seit letzter Woche! Verhaftet wurden kritische Geister, keine Terroristen, Menschen, die gegen Diktator Sisi und sein Regime ihr Wort erhoben. Dann sind da die Spaltungen zwischen Klimaleugnern und Klimagegnern, zwischen Menschenrettungs-Befürwortern und Grenzen-Schließen-Rufern. Ihr kennt sicherlich noch mehr, welche Spaltungen fehlen euch hier?

Was für Zeiten. Es gibt keine Einheit, auch keine deutsche.

Was es aber gibt: Geschichten, die die Augen für diese Spaltungen öffnen. Romane. Reportagen. Biographien. Essaybände. Literatur.

Wir würden gerne wissen: Was ist eure liebste Anti-Spaltungs-Literatur? Statt Einheit-Literatur also eher Vielfalt-Literatur. Dafür gibt es hier auf mojoreads sogar eine Liste. Bei uns im Programm haben wir die Campus Novel Diese eine Nacht, welche in Dresden spielt. Die junge Studierende Amina, mit tunesischem Vater, verliebt sich in ein Mitglied eines rechten Untergrundnetzwerks. Dieser Liebesroman versteht sich als politischer Liebesroman, also eigentlich ein Unding, aber es funktioniert. Und er spielt an den schönsten Schauplätzen Dresdens: in der Semperoper, an der Elbe, in der Neustadt.

Ebenfalls in der sächsischen Landeshauptstadt verortet sich +Als Weltbürger zu Hause in Sachsen des indischen, mittlerweile deutschen Dresdners Hussein Jinah. Er erzählt, wie er in den 1980er als Gaststudent in Sachsen empfangen wurde (nicht sehr freundlich), wie er in Gast-Wohnheimen quasi ghettoisiert, aber auch überwacht wurde, und wie sich besonders seit 1989 die öffentliche,aber eigentlich ausgrenzende Frage stellte: Wer ist "das Volk?" Denn sind es nicht "Wir alle", ein vielstimmiges Wir? Auch ein indisch-stämmiger Dresdner? Hussein Jinah konfrontiert rechte Lokalpolitiker, arbeitet als Sozialarbeiter, kämpft da, wo er kann. Ein unglaublich mutiges und motivierendes Anti-Spaltungsbuch! Eine sehr gute Lektüre für den deutsch-deutschen Feiertag.

Einstimmigkeit in der Vielstimmigkeit ist das Thema bei +Glaube Liebe Hoffnung von Hannes Bajohr und Gregor Weichbrodt: Sie sortierten "unveränderte Zitate aus den zwischen Dezember 2014 und Februar 2015 gesammelten Facebook-Kommentarender Pegida-Seite und ihrer Ableger" nach "ich glaube", "ich liebe", "ich hoffe". Ein erhellender Einblick in das anti-faktische, emotionsbezogene Denken. Die PDF-Version ist kostenlos, das Buch muss man bezahlen. Lohnt sich aber.

Zum Schluss ein Auszug aus einem Gedicht der 2013 verstorbenen Lyrikerin +Sarah Kirsch , die scheinbar zu simple, singende Gedichte geschrieben hat, voller großer Bilder, bei "Trauriger Tag" etwa der schreiende Tiger. Erinnert er nicht auch an den Tiger von William Blake: "Tiger, Tiger, burning bright, in the middle of the night"? Viele ihrer Gedichte enthalten die damalige Grenze zwischen BRD und DDR als Thema, die Eingeschlossenheit. Denn das ist es eigentlich: Wer eine Grenze um sich herum zieht, sei es nur für die Mär einer Einheit, schließt ab.

"Da bin ich bös bis in die Wimpern Ich fauche mir die Straße leer Und setz mich unter ehrliche Möwen Die sehen alle nach links in die Spree Und wenn ich gewaltiger Tiger heule Verstehn sie: ich meine es müsste hier Noch andere Tiger geben."

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