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sinnundverstand

Gutes Lesen, schlechtes Lesen

2017-05-01 09.04.13 (2)


Von Glaubenskriegen halte ich nichts. Gerade beim Lesen aber fliegen rasch die Fetzen: Am Bildschirm lesen ist schlecht, ein Buch lesen ist gut.

Hauptsache Lesen

Ich lese Gedrucktes und Digitales. Aber ich lese Gedrucktes oft anders als Digitales. Vielleicht aber auch deshalb, weil ich digital anderes lese als im Gedruckten: Tweets, Nachrichtenmeldungen, Texte in Blogs und bei Instagram und Facebook, Zeitungsartikel, Gedichte, Flüchtiges und Hingedachtes. Digital lese ich eher Popcornbücher, die Notbibliothek für Zwischendurch. Und damit bin ich alles andere als Avantgarde. Vielleicht wird das eines Tages noch was, wer weiß.

Manches bleibt hängen. Anderes flutscht durch. Andererseits: Ist das mit Gedrucktem anders? Gedruckt lese ich Zeitungsartikel, Romane, Sachbücher, Etiketten von Milchtüten und Marmeladengläsern, skurille Anzeigen und Kurznachrichten in der Zeitung, Broschüren, hm, eigentlich alles mögliche. Mir kommt es so vor, als würde ich mich besser an die Lektüre erinnern. Aber vor allem, sind es die Romane, die hängenbleiben. Und davon nur ein Bruchteil. Aber ich fühle sie noch in der Hand, daher sind sie mir präsenter. Ich sehe sie im Bücherregal und erinnere mich bei ihrem Anblick ans Lesen (oder ans Noch-nicht-lesen).

Das Digitale ist flüchtig. Und doch: Durch ihre Tweets und Texte sind mir manche Menschen zu Freund*innen geworden, ob sie darum wissen oder nicht. Ich erkenne sie sofort an ihren Wörtern und Sätzen. Ich werde stetig klüger *hust* durch das Digitale, weil kaum ein Tag vergeht, an dem ich ohne Erkenntnisgewinn oder neues Wissen aus diesem Internet herausgehe. Wenn ich es zulasse. Sagen wir so: Die Möglichkeit, an Klugheit oder Wissen zu gewinnen, ist gegeben. Es gibt durchaus Tage, an denen ich das Internet mit einem dumpfen Styroporschädel verlasse.

Verrückte Sache, das mit dem Lesen

Trotz der eher schwierigen Überschrift,dem anmaßenden Ge-Wir-e und manch tendenziöser Formulierung finde ich dieses Interview von Marianne Haar in der NZZfolio mit Maryanne Wolf aufschlußreich. Maryanne Wolf ist Neurowissenschafterin und Direktorin des Zentrums für Dyslexie, Diverse Learners und Social Justice an der University of California in Los Angeles.

Lesen ist so erstaunlich. Was Maryanne Wolf dazu sagt:

"Lesen ist nicht natürlich. Für gesprochene Sprache sind wir genetisch programmiert, aber es gibt kein Lese-Gen in unserem Körper. Man kann ein Kind überall hinstecken, wo gesprochen wird, und es wird die Sprache lernen. Für Schrift dagegen braucht man einen ganz anderen Schaltkreis. Schaltkreise sind eine Art Netzwerk von neuronalen Netzen, die alle Bereiche verbinden, die für eine Funktion wichtig sind. Unser Gehirn ist in der Lage, neue Schaltkreise für neue kognitive Funktionen zu schaffen, und das hat es vor rund 6000 Jahren fürs Lesen getan. Es ist einer der wunderbarsten Schaltkreise, die wir je kreiert haben, denn er hat die Fähigkeit, sich mit allem, was wir lesen und denken, immer weiter auszudehnen und sich mit kognitiven und empathischen Prozessen zu verbinden."

Augenblicklich habe ich allerdings den Eindruck, dass viele Menschen weder digital noch nicht-digital lesen, sondern Serien gucken. ¯\_(ツ)_/¯

  • Lesen
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Volker Oppmann
Jul 15, 8:01 AM
Habe +Schnelles Lesen, langsames Lesen von Maryanne Wolf fast durch und auch schon +Lesen von Stanislas Dehaene angefangen – schon faszinierend, was d...
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sinnundverstand
Jul 15, 8:51 AM
Volker Oppmann Das Buch von Maryanne Wolf möchte ich auch noch lesen. Das andere klingt auch gut. Es ist ja wirklich faszinierend, dieses Lesen.
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Volker Oppmann
Jul 15, 10:13 AM
Lesen lohnt sich ;) Also sowohl das Buch von Maryanne Wolf (auch wenn es vom Stil her manchmal ein wenig sehr amerikanisch-pathetisch daher kommt) als...