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FrauFrohmann

Hopfen und Malz verloren

Gestern hat Alena Dausacker (Geistesgift) hier einen ganz tollen Artikel über familiäre Traditionsbrüche geschrieben, »Vom Fleisch gefallen«, inspiriert dazu wurde sie wieder von einem anderen Artikel, »Fleischkritisch in dritter Generation«, den Nikola Richter für ZEIT ONLINE geschrieben hatte.

Doppelt angeregt von beiden Texten und Autorinnen nehme ich das Thema Traditionsbruch auf, verlasse aber das Thema Fleisch und wende mich dem Alkohol zu, von dem ich mich faktisch im Verhältnis zur Familientradition abgewendet habe.

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In meiner Familie, nicht anders in der Familie meines Mannes, wird gern Alkohol getrunken. Niemand trinkt nach herrschenden deutschen Maßstäben zu viel, aber man trinkt so einiges. Ich trinke auch manchmal einiges, auf Partys, bei Verabredungen in Bars, alle paar Monate und eher eruptiv. Wenn ich vier Glas Wein getrunken habe, muss ich mich unweigerlich übergeben, was praktisch ist, denn dann ist definitiv Schluss. Seit einigen Jahren trinke ich auch bei diesen Gelegenheiten meist weniger, Kotzen ist so unangenehm. Schnaps rühre ich praktisch nie an, ich habe weniger Shots getrunken als Jahrzehnte gelebt.

Soweit ich weiß, wurde in der Generation meiner Großeltern wenig Alkohol getrunken, meine Mutter erzählt davon, wie die Oma dem Opa nicht mal den Cognac ließ, wenn der Zahnschmerzen hatte und damit gurgeln wollte. Die Oma selbst verkniff sich sogar ein Gläschen Likör am Abend, obwohl ihr Kroatzbeere – ich habe mich gerade beim Schreiben an den Namen erinnert – so gut schmeckte. Bei den anderen Großeltern stand nie Alkohol auf dem Tisch, halt, die Oma zischte sich im hohen Alter ab und zu Klosterfrau Melissengeist, aber auch wieder nur fingerhutweise. Was ideologisch hinter dem maßvollen Trinken steckte, kann ich nur mutmaßen, ich glaube, es war einfach das Gegenteil vom heutigen »gönn dir«, also bloß nicht übertreiben, Wiederaufbau, Kontrolle erlangen und dann behalten, was zum Vererben schaffen.

Die Elterngeneration aber wurde film- und werbegestützt hardcore mit Alkohol als Lifestyle sozialisiert, meine Mutter erzählt von einem Strandurlaub mit 19 in den späten 1950ern, Tag und Nacht Cuba-Libre trinken und nichts essen. Italien, Rimini, Cinzano, Martini, Campari, Chin chin, das war Glamour, das war Chic.

In den späten 1960ern und 1970ern tranken sich dann viele Menschen ins härtere Segment rüber. Viele Freundinnen berichten, wie ihre Eltern andere Paare zu Besuch hatten und permanent zwischen Bier und Schnaps switchten. Allmählich scheint sich gesellschaftlich damals das heute wohlbekannte Gefühl turbokapitalistischer Überforderung eingestellt zu haben, mein Vater reagierte zeittypisch mit Whiskysaufen darauf, ging mit seiner Firma pleite und starb zwanzig Jahre später an Leberzirrhose.

In allen Jahrzehnten wurde – Leitkultur! – vor, während und nach den anderen Drinks natürlich auch jede Menge Bier getrunken. So jung kommen wir nicht wieder zusammen, haha, ein Prosit, ein Prosit, hoch die Tassen, prösterchen.

Heute sind die Überlebenden dieser Generation Alkohol entweder straight edge und Iron Man – nicht in meiner Familie – oder trinken extrem ritualisiert weiter. Alkoholische Getränke takten den Tag, die Woche, das Jahr. Es gibt ein Getränk für jeden sozialen Anlass, Wochentage, an denen man trinkt oder eben nicht. Reisen werden unternommen, weil an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit ein bestimmter Alkohol zu trinken ist. Kommen Familie oder Freund*innen zusammen, wird, sobald ausreichend getrunken wurde, geredet, dann geht es oft hoch her, nicht selten zu hoch für mich.

Ich würde behaupten, man hat sich das soziale Trinken angewöhnt, um wenigstens ab und zu mal Emotionen zeigen und reden zu können. Diese Menschen sind im großen Schweigen nach dem Krieg aufgewachsen und immer unnahbar geblieben, auch für sich selbst. Hier verläuft eine echte Kluft zwischen den Generationen, denn wir inzwischen mittelalten Kinder haben – woher eigentlich, von wem? – gelernt zu sagen »Ich liebe dich«, viele von uns können aussprechen, was uns beschäftigt, quält und nervt. Wir reden über uns, wir reden miteinander, wir reden mit unseren Kindern.

Das soziale Trinken ist aktuell auch noch tief im Berufsleben verwurzelt. Man geht ein Bierchen trinken, macht dann ein Dealschen, schiebt sich ein Aufträgchen zu und hält, weil es so halt läuft in Deutschland, leider auch die damit raus, die an der Bierchenkultur nicht partizipieren, u. a. muslimische Menschen, trockene Alkoholiker und viele Frauen, denn die werden ja erst seit kurzem in einigen wenigen Bierwerbungen als Subjekte repräsentiert. Bier trinken als Exklusionsmechanismus – wohl keine Absicht, Zufall aber ganz sicher auch nicht.

Zurück zur Familientradition. Ich trinke noch Alkohol, sehe auch nicht, dass sich das ändert, aber ich trinke ganz anders als meine Ancestors. Die Lockerheit, die ich beim Trinken anstrebe, soll mich gern Unsinn reden lassen, aber guten Unsinn, Quatsch, ausgelassenen Spaß. Das Letzte, worüber ich besoffen reden möchte, ist Gesellschaft, Politik und Religion.

Ich akzeptiere auch völlig, warum und wie meine älteren Familienmitglieder trinken. Ich mache nur nicht mit und ich entziehe mich instant, wenn unguter Unsinn geredet wird. Ihr Bier ist ab einem bestimmten Punkt zu unserer aller Besten nicht mehr mein Bier. Weihnachten verlassen mein Mann und ich nach der Gans und vor dem Whisky das Fest. Schade, dass wir solche Spaßbremsen sind. Zum Glück.

Einer meiner wenigen Lebensträume ist ein Campari-Sponsoring für den Frohmann Verlag. Italien, Campari, Chin chin, das ist Glamour, das ist Chic!

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doncish
Sep 4, 11:48 AM
Mein Trinkverhalten hat sich in den letzten Jahren auch sehr verändert. Es gab einen Kipppunkt, von dem an ich weniger öffentlich getrunken habe, stat...
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Anne-Marit Strandborg
Sep 4, 11:50 AM
Oh je, ich komme aus einer Alkoholikerfamilie - väterlicherseits. In den 20ern bin ich wohl gerade so dran vorbeigerauscht, abhängig zu werden. Jetzt ...
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FrauFrohmann
Sep 4, 11:52 AM
Ich mache mir um euch alle keine Sorgen, interessant ist ja bei allen Genuss- und Suchtsachen die Selbstbeobachtung und dass man sich nicht verallgeme...
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Ute Weber
Sep 4, 3:08 PM
Habe auch Kroatzbeere-Erinnerungen omg. Und recht Ähnliches zum Schweigen nach dem Krieg und der Klosterfrausucht einer Großtante. Aber dann war 1982 ...
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FrauFrohmann
Sep 4, 3:17 PM
Ute Weber Wie furchtbar.