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Asal Dardan

In Beziehung treten: Vom persönlichen zum universellen Erzählen bei Rachel Cusk

»Was ich persönlich als wahr erachtete, schien sich von dem Bedürfnis, die anderen zu überzeugen, abgelöst zu haben. Ich wollte niemanden mehr überzeugen, von gar nichts.« (aus +Outline von Rachel Cusk, übersetzt von Eva Bonné)

Meine Söhne sehen sich nicht sehr ähnlich, aber sie haben beide die gleiche Krümmung des kleinen Fingers, die auch meine Krümmung des kleinen Fingers ist. Sie sagen zu mir »Mama«, und ich nenne sie oft »Mäuschen« – in diesen Momenten sind sie die einzigen Söhne und ich bin die einzige Mutter auf der Welt. Bei beiden Geburten sahen mein Partner und ich uns in die Augen und versicherten uns, dass sie aus Liebe gemacht seien, dieser einzigartigen, unvergleichlichen Liebe.

Ich kann nicht sagen, dass ich zuvor das Bedürfnis gehabt hatte, mich zu binden oder Kinder zu haben. Ich wollte reisen und lesen und schreiben, ein Leben führen, das mir anders vorkam als andere Leben. Ich wollte Menschen einnehmen und überzeugen, wollte, dass man mir zuhörte und mich begehrte. Ich hatte nicht bedacht, dass auch ich Menschen zuhören und sie begehren würde, dass ich also keine Ausnahme war. Bevor ich das lernte, war ich schon Teil einer Familie geworden, eine Mutter und Partnerin. Aber ich war mir zumindest sicher, dass diese Familie einzigartig sein würde.

Seitdem sind einige Jahre vergangen, die meisten davon härter als ich mir eingestehen möchte. In diesen Jahren haben mir Menschen zugehört und ich selbst habe auch zugehört. Wer überzeugt worden ist und wer nicht, ist schwer zu sagen, aber ich habe dabei gelernt, dass weder ich noch meine Liebe Ausnahmen sind. Mein Begehren ist nicht reiner als das Begehren anderer Menschen und auch meine Worte sind nicht wichtiger als die von anderen. Mein Leben ist eines von vielen. Dies könnte eine bittere Erkenntnis sein, aber tatsächlich steckt für mich auch eine Befreiung darin.

Das Sprechen und Schreiben sind für mich zu einer ähnlichen Suche geworden, wie es das Zuhören ist. Dialog als Performance interessiert mich nicht mehr. Denn was ist Austausch anderes als sich in einer Gemeinschaft zu verorten, Verbindungen einzugehen, in Beziehung zu treten? Es ist nicht so, dass ich nicht weiß, aber das Wissen allein reicht nicht mehr. Ich möchte niemanden mehr überzeugen, von meinem Wissen oder meiner Begehrbarkeit. Ich buhle nicht mehr um Aufmerksamkeit, wer von mir erreicht wird, wird ungesucht erreicht. Meistens sind das Menschen, die ähnliche Worte oder ein ähnliches Begehren in sich tragen, manchmal nur als Ahnung, manchmal schon auf der Zunge.

Es gibt Leute, die nennen das Bubble oder Elfenbeinturm, aber vielleicht tun sie dies unter dem Eindruck, dass sie wie Jakob mit einem Engel ringen und nicht bloß mit sich selbst. Meine Kämpfe sind die Kämpfe Vieler und diese Vielen kämpfen gegen sich selbst, aber auch gegen Ungerechtigkeiten und Widrigkeiten, die keiner übernatürlichen Gestalt gleichen, weil sie allesamt menschengemacht sind.

In diesem Ringen und Suchen möchte ich nicht alleine sein, und wenn ein Mensch seine Worte teilt und sie mich erreichen, dann gewinnen meine Gedanken und Gefühle an Kontur, dann werde ich durch die Sprache anderer ein bisschen mehr ich. Zuletzt habe ich das mit Rachel Cusks »Outline-Trilogie« erlebt, und sofort möchte ich mich gegen den oberflächlichen Blick wehren, der nur sieht, dass eine Autorin und Mutter das Werk einer anderen Autorin und Mutter lobt. Ja, in den Romanen geht es um ein Frauenleben, um die Ich-Erzählerin Faye: eine Mutter, die frisch geschieden ist und nun mit ihren Söhnen in eine baufällige Londoner Wohnung zieht, sie ist eine Autorin, die an Literaturveranstaltungen teilnimmt und auf Lesereise geht. Aber die drei Romane erzählen nicht von Fayes Leben, sondern bestehen ausschließlich aus Gesprächen, die zumeist wie sehr kunstvolle Monologe wirken, weil Faye nur sehr wenig preisgibt und spricht. Aber es sind ihre Sprache und ihr Blick, die die vielen unterschiedlichen Konversationen zusammenhalten. Die erzählten Fragmente anderer Leben wirken bei Cusk zusammen als ein Ganzes, die universelle Geschichte unseres Suchens – nach Liebe oder Sinn oder einer Erzählung vom Leben.

In der Outline-Trilogie wird über sehr unterschiedliche Beziehungen gesprochen, über die menschliche Fähigkeit, zu verletzen und Verletzungen auszuhalten, zu trösten und Trost zu finden. Irgendwann sagt einer von Fayes Gesprächspartner*innen, dass es gar nicht so sehr um Ambition und Begehren gehe; was man erstrebe, würde man viel eher durch Geduld, Ausdauer und Loyalität erreichen. Vordergründig geht es dabei um die Pflege von Jacaranda-Bäumen, aber es wird weitaus mehr als Botanik verhandelt, denn Rachel Cusk ist eine kluge und kontrollierte Schriftstellerin, die durch präzise Beobachtungen und Beschreibungen von Alltäglichem die vielen Facetten des menschlichen Seins umkreist.

Nicht der Umstand, dass Cusk aus diesen vielen Geschichten eine Geschichte kreiert, die meiner nahekommt, macht ihre Trilogie für mich zu einem Meisterwerk. Vielmehr ist es ihre Fähigkeit, aus etwas, das millionenfach als Ahnung in Menschen steckt das Erzählwürdige zu destillieren, es in Literatur zu verwandeln. Und man ahnt, Cusk hat diese Romane auch als Katharsis geschrieben, um selbst zu verstehen.

Ja, die gekrümmten Fingerchen sind nur unsere, und die Liebe, die uns bindet und trennt, ist es ebenfalls, aber in ihrer jeweiligen Einzigartigkeit gleicht diese Liebe allen anderen einzigartigen Lieben, die Menschen binden und trennen. Daraus erwächst Trost, aber auch eine Verpflichtung. Beides kann Literatur werden.

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fritziversen
Jul 2, 9:28 AM
Sehr schön geschrieben! Und Cusk kann man wirklich nur dringend empfehlen. Ich habe eins der Bücher gelesen (weiß gerade nicht mehr welchen Band) und ...
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Asal Dardan
Jul 2, 10:24 PM
Herzlichen Dank, auch für den Kommentar zur Frauenliteratur, ein Begriff, der meines Erachtens ohnehin unnötig ist.