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Buchensemble

Kurzgeschichten – Die Königsdisziplin der Schriftstellerei

Alle Buchensemble-Mitglieder mögen Kurzgeschichten. Zumindest auf die eine oder andere Weise. Kia liest sie zum Beispiel nur gedruckt, Curly in allen Medien, Dean mag sie nicht als Roman zusammengefasst und M. D. Grand schreibt sie lieber, als dass sie sie liest.

In diesem Beitrag liest du, was unserer Meinung nach eine gute Kurzgeschichte ausmacht, unter welchen Bedingungen wir sie mögen und woher diese Textsorte eigentlich kommt.

Zum Schluss werfen wir auch noch einen Blick in die Kristallkugel, um die Zukunft der Kurzgeschichte vorauszusagen.

Die Kurzgeschichten-Anthologien von Nikas Erben
S. M. Gruber schreibt über Kurzgeschichten – und gibt die nächste Anthologie von Nikas Erben heraus!

In der Kürze liegt die Würze

Die Kürze einer Kurzgeschichte bringt einige Herausforderungen mit, sowohl beim Lesen als auch beim Schreiben. Man muss sein Handwerk schon gut verstehen, um eine wirklich gute Kurzgeschichte zu schreiben.

Wiebke bringt ganz konkretauf den Punkt, was diese Textsorte ausmacht:

Wiebke sagt: “Kurzgeschichten besitzen einen besonderen Erzählcharakter. Sie lassen die Lesenden gerne mit einem offenen Ende zurück, können sehr stark auf Atmosphäre bauen und die Akzente auf andere Aspekte legen als beispielsweise ein Roman, der immer ein bisschen mehr Drumherum erfordert.”

Warum es so schwer ist, eine gute Kurzgeschichte zu schreiben

Es geht in der Kurzgeschichte immer darum, Akzente zu setzen, das Besondere im Alltäglichen, das Poetische im Gewöhnlichen zu finden und das dem Leser verständlich zu machen.

Vor allem der zweite Teil, das Verständlichmachen, ist dabei das Schwierige. Stell dir vor, du willst eine Kurzgeschichte schreiben. Du nimmst ein Stück Alltag, in dem ganz leise eine Gefühlsregung schwingt, die das Potential hat, große Wellen zu schlagen. Diese Situation sollst du nun so erzählen, dass deine Leserschaft die Auswirkungen dieser Gefühlsregung spürt, ohne dass du ihnen alles verrätst.

Tatsächlich ist das Tempo, nämlich sowohl das Erzähltempo als auch das Lesetempo, eine entscheidende Eigenschaft der Kurzgeschichte. Wenn wir wissen, dass wir nur eine kurze Zeit mit den Figuren verbringen werden, lesen wir ganz anders. Wir lesen gieriger, wir lesen aufmerksamer, wir empfinden jede Information, die wir in der Geschichte bekommen, als wichtig. Kurz: jedes Wort muss sitzen.

Die Kurzgeschichte ist nicht einfach eine kurze Geschichte.

Die Kurzgeschichte ist die Königsdisziplin der Schriftstellerei.

Die Hassliebe zu Kurzgeschichten

Jetzt mal ehrlich: Kurzgeschichten gehören meistens nicht gerade zur beliebtesten Textsorte der Leser.

Das Problem ist, denke ich, dass es zu viele Kurzgeschichten gibt, die voreilig veröffentlicht werden. Häufig versuchen sich viele unerfahrene Schriftsteller am Anfang nur zu gerne an Kurzgeschichten, denndie scheinen auf den ersten Blick einfacher zu schreiben als ein Roman. Als Übung zum Reinkommen ist das ganz wunderbar, aber meistens noch weit entfernt von einer wirklich guten Kurzgeschichte. Wie gesagt: Königsdisziplin eben.

Und dann gibt’s natürlich auch diejenigen, für die die Würze doch nicht in der Kürze liegt. Selbst, wenn die Geschichten gut geschrieben sind.

Mehrere in sich geschlossene Kurzgeschichten zu einem Thema als Roman zu veröffentlichen, ist eben auch nicht immer eine gute Idee. Vor allem unerfahrene Autor*innen nutzen diese Form der Veröffentlichung manchmal gerne, um sich über einen fehlenden Spannungsbogen drüberzuschummeln. Wenn das allerdings von vornherein beim Schreiben so beabsichtigt war, kann das auch sehr gut werden. Und jetzt alle: KÖ-NIGS-DIS-ZI-PLIN.

Ein Blick in die Kristallkugel – Die Zukunft der Kurzgeschichten

Bevor wir die Zukunft der Kurzgeschichte voraussagen, werfen wir einen kurzen Blick in die Vergangenheit. Nur wenn wir verstehen, woher die Kurzgeschichte kommt, können wir eine halbwegs akkurate Aussage darüber treffen, wohin sie geht.

Eine kurze Geschichte der Kurzgeschichte

Im deutschsprachigen Raum hat sich die Kurzgeschichte Anfang des 20. Jahrhunderts aus dem amerikanischen Vorbild entwickelt. Zuerst war die Kurzgeschichte tatsächlich nur als kurze Geschichte, als leichte Unterhaltungsliteratur gedacht, die in den Feuilletons der Zeitungen abgedruckt wurde. Eine Textgattung, maßgeschneidert für die massenhafte Verbreitung. Diese Kurzgeschichten beinhalteten die Merkmale, wie wir sie auch in der Schule lernen mussten: plötzlicher Einstieg, kaum bis keine Charakterentwicklung, geradlinige Erzählung bis zum überraschenden Ende.

Dabei hat es gar nicht lange gedauert, bis die Kurzgeschichte sich etwa ab den 1920ern in eine sozialkritische Richtung entwickelte. Da ging es dann mehr um die Darstellung des Bewusstseins und die Form wurde auch zunehmend experimenteller. Nach 1945 diente sie dazu, Kriegs- und Nachkriegserlebnisse zu verarbeiten. Später hat sie sich dann wieder mehr auf die menschliche Psyche und Sprachexperimente fokussiert. Auch auf andere Genres, wie z.B. Science Fiction, Horror und Krimi, hat sich die Kurzgeschichte übrigens schon seit den Fünfzigern ausgebreitet.

Quellen:

Meid, Volker (2007): Das Reclam Buch der deutschen Literatur. 2. Aufl. Stuttgart: Reclam.

Saupe, Anja (2007): „Kurzgeschichte“. In: Burdorf, Dieter/Fasbender, Christoph/Moenninghoff, Burkhard (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur. 3., völlig neu bearb. Aufl. Stuttgart, Weimar: Metzler. S. 416

The Future is… short?

Wieso denken wir eigentlich, dass die Kurzgeschichte mittlerweile zu einer Nebengattung verkümmert ist, die nur noch von Schreibanfängern oder hochtrabenden Literaturmagazinen gefeiert wird?

Magret sagt: “Kurzgeschichten werden immer oder zumindest noch lange ausschließlich Randfiguren bleiben. Die sind nett, manche hartnäckigen Fans lesen dann vielleicht auch die ihres Lieblingsautoren, aber im Grunde wird doch nur über die Romane gesprochen. Ich fände es schön, wenn Kurzgeschichten wieder mehr Aufmerksamkeit bekommen, doch bezweifle es.”

Objektiv betrachtet ist es doch so: 2013 gewann Alice Munro den Literaturnobelpreis. Sie ist die Meisterin der Kurzgeschichten, hat noch nie einen Roman veröffentlicht und sich trotzdem einen Namen als Literatin gemacht. Und auch die literarischen Veranstaltungskalender wimmeln nur so von Lesebühnen, bei denen Kurzgeschichten vorgetragen werden. Selbst bei Musikfestivals werden immer mehr Autor*innen dazu eingeladen, Kurzgeschichten und Essays vorzulesen.

Es ist kein Geheimnis, dass die Konzentrationsfähigkeit der jüngeren Generationen immer weiter abnimmt. Das wiederum kommt kürzeren Textsorten wie der Kurzgeschichte nun zugute, wie Dean voraussagt:

Back to the roots: Neue Massenmedien für die Kurzgeschichtenverbreitung

Die Aufmerksamkeitsspanne sinkt, die Digitalisierung nimmt zu. Wir erinnern uns: Kurzgeschichten wurden für das Massenmedium Zeitschrift „erfunden“. Mit den neuen, digitalen Massenmedien, findet diese Urform der Kurzgeschichte jetzt wieder Einzug in unseren Lesealltag.

Kia ist da – wie vermutlich auch einige andere Hardcore-Bücherwürmer – trotzdem eher altmodisch:

Kia sagt: “Eine Kurzgeschichte, nur als Buch in meinem Regalfände ich super. Auf einem Portal im Netz, auf Websites oder sonst irgendwie digital lese ich sie einfach nicht. Ich kann nicht am Bildschirm lesen.Neunundneunzig Namen oder Eselmädchen sind zwei in gedruckter Form erschienene Kurzgeschichten, die ich beim Buchensemble übrigens auch rezensiert habe.”

Curly hält dagegen:

Curly sagt: “Ich glaube daran, dass besonders im Digitalen Short Storys immer öfter gelesen werden. Anbieter wie zum Beispiel Booksnacks ermöglichen uns, im Alltag digital zu lesen und präsentieren uns den Charme, den eine Kurzgeschichte mitbringt. Innerhalb einer (Alltags-)Forschung in der Kulturanthropologie habe ich mir das Leseverhalten von Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln angeschaut und beobachten können, dass Kurzgeschichten und Kurzromane gut ankommen– besonders in digitaler Form. Ich finde, Kurzromane erfrischen den Alltag und haben daher ganz bestimmt eine Zukunft. Entscheidend ist die Form.”

(Noch nicht) Das Ende der Anthologien und Zeitschriften

Kurzgeschichten lassen sich jetzt also ganz easy wegsnacken – morgens auf dem Weg zur Arbeit oder im Wartezimmer, beim Anstehen im Café. Über Apps geht das ganz einfach. Aber was ist mit dem klassischen Kurzgeschichten-Buch, der Anthologie? Gibt’s das noch? Und auch nicht unwichtig: Lässt sich das überhaupt vermarkten?

Kia ist fest davon überzeugt, dass man auch Anthologien marktfähig machen kann.

Kia sagt: “Es ist ein großes Stück Arbeit, Kurzgeschichten in Anthologien marktfähig zu machen. Die AutorengruppeNikas Erbenmacht das vorbildlich mit ihren jährlichen Themenanthologien. An denen nehme ich jedes Mal teil und kann es kaum erwarten, eine neue Kurzgeschichte zu verfassen. Beim Buchensemble schreiben übrigens zwei ehemalige Herausgeberinnen und die beiden aktuellen Herausgeberinnen. Das würde ich mir für die Zukunft von Kurzgeschichten auf jeden Fall wünschen: Mehr Marktanteil, mehr Sichtbarkeit, mehr coole Anthologien.”

Zusätzlich zu Anthologien gibt es ja immer noch eine ganze Menge gedruckter Literaturmagazine, die sich stetig über Wasser halten. Und zwar erfolgreicher als so manche Lifestyle Magazine, die nach und nach ihre Printausgaben kürzen bzw. komplett auf Online-Artikel umstellen. Also erfolgreicher jetzt wahrscheinlich eher in dem Sinne, dass es die Literaturmagazine noch gedruckt gibt, als an monetärem Wert gemessen, aber immerhin. Im Endeffekt hat das letzte Wort aber immer die Leserschaft.

Wiebke findet die richtigen Abschlussworte dafür:

Wiebke sagt:“Es gibt immer begeisterte Leser*innen und Schreiber*innen, die sie aufrecht erhalten, insofern glaube ich, dass Kurzgeschichten immer eine Daseinsberechtigung haben werden. Ob sie sich allerdings neben den viel gelesenen und publizierten Romanen mehr Raum erkämpfen können, liegt allein an uns Lesenden.”

Wie ist das mit dir? Liest du Kurzgeschichten lieber auf dem Display oder gedruckt? Liest du überhaupt Kurzgeschichten? Schreib uns in die Kommentare – Wir sind gespannt, was du zu erzählen hast!

Ein Artikel von S. M. Gruber.