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FrauFrohmann

Präraffaelitische Girls erklären München und Berlin

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Menschen in München, wenn Menschen aus München, die jetzt in Berlin wohnten, schwärmten, wie cool und frei das Leben dort wäre

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In München sagte man, wie alle wussten, wenn das Wetter schön und man selbst begeistert war, Teil eines solch schönen Lebens zu sein, gern »Wie in Italien.«

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Menschen in Berlin, wenn Menschen in München schwärmten, wie unvergleichlich schön das Münchner Umland wäre – waren die noch nie an der Mecklenburgischen Seenplatte gewesen?

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Wenn man in Berlin in den Zug ein- und in München ausstieg, hatte sich, wie alle wussten, die Kleidung, die man trug unterwegs in armselige Lumpen verwandelt.

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In München trugen Kinder, wie alle wussten, häufig Kleider, die so viel kosteten, wie in Berlin Menschen in der Woche zum Leben hatten. Am dekadentesten war es im Bezirk München-Prenzlauer-Berg.

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In München gab es auffallend viele Friseurläden, was, wie alle wussten, daran lag, dass in München Menschen Frisuren hatten. In Berlin hatte man nur Haare.

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In München gab es, wie alle wussten, viel weniger Gewalt und Elend als in Berlin, zumindest solange man das Oktoberfest und die Umweltzerstörung durch drei SUVs pro Kopf nicht mitbedachte.

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In München hätte, wie alle wussten, nicht ein einziges Berliner Kind jemals das Abitur geschafft.

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In Berlin war, wie alle wussten, die komplette Bevölkerung sozial gestört und drogensüchtig.

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In Berlin war es, wie alle wussten, immer cool, Partyhauptstadt 24/7. Zur Not behauptete man halt einfach, dass Chefredakteur von einer rechten Zeitung sein, einen Schrebergarten haben oder mit zwei Kindern am Stadtrand leben jetzt cool wäre.

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Im Raum des Digitalen waren solche Standort- und Traditionsfragen aber in den Hintergrund gerückt. Im Netz war man sich auf neue Weise nah. München und Berlin teilten sich nun das neue Umland Internet.

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Dieses gemeinsame digitale Umland veränderte bald auch beide Städte im Real Life, denn die aus ihm erwachsende Startup-Kultur tilgte weitere kulturelle Unterschiede bzw. brachte eigene Kulturen hervor. Der Coworkingspace ist, die alten Holzkisten stehen, die Vintagesessel wirken, der Kicker klackert, die Pastellkreide auf der Schiefertafel schreibt, die Mate und der Lange-Arbeitszeiten-Whisky schmecken, das Yoga belebt, das Englisch erklingt – überall gleich.

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Trotzdem wirkt dieses alten Preußen-gegen-Bayern-Ding immer noch nach, auch beim Arbeiten im Internet. Man hält sich gegenseitig irgendwie raus, unbewusst vielleicht. Und hier hört der Spaß auf: Das Internet und die digitale Kultur müssen solche toten Winkel des Ressentiments beseitigen, um alle Kräfte zu bündeln. Sonst schwächt man sich unnötig im Kampf gegen rechte Trolle und den totalen Ausverkauf des großen demokratischen Potenzials des Netzes. München und Berlin ab jetzt zusammen, abgemacht?

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(Präraffaelitische Girls erklären Literatur wird auf mojoreads vorab gepostet und erscheint als Buch im Herbst 2019. Bereits erhältlich ist das Buch+Präraffaelitische Girls erklären das Internet.)

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Diese Texte wurden für die Veranstaltung »Böse Bowle & Gute Gespräche« im Medialab Bayern am 19. Juni 2019 geschrieben. Wenn ihr mehr nicht getwitterte und noch nicht als Buch veröffentlichte Girls-Texte lesen wollt, folgt @frohmann hier auf mojoreads.

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