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sibelschick

Scham, Schmerz, Wände, Wurzeln

„Bir gün fazla yaşamak
hatta senden
Bağışla alçaklığımı bacım.”*
– Nazım Hikmet, 29.07.1959

Es gibt einen gewissen Schmerz, den ich nur auf Türkisch fühlen kann. Mein zwiegespaltenes Verhältnis zu dieser Sprache macht es für mich schwierig zuzugeben, dass sie jene Sprache ist, die ich am besten sprechen und verstehen kann, in der ich am liebsten lache und weine.

Ich habe nie Kurdisch gelernt. In der Türkei der 90er Jahre, in der ich aufwuchs, wurden Menschen erschossen, weil sie Kurdisch sprachen. Meine junge, alleinerziehende Mutter hatte keinen Grund, mir Kurdisch beizubringen.

Nur, kein Kurdisch sprechen zu können, verursachte eine Lücke in meiner Identität. Und Scham, die Sprache nicht zu beherrschen, für die Menschen in dem anderen Teil des Landes starben und sterben. Ich habe mich persönlich für das Aussterben der kurdischen Sprache verantwortlich gefühlt, und dieses Gefühl wurde mir zusätzlich auch von vielen anderen Kurd*innen vermittelt, für die ich nur eine Assimilierte war und bin.

Als ich das erste Mal Nazım Hikmet gelesen habe, ich weiß noch ganz genau, wann und wo das war, musste ich so sehr weinen, dass meine Tränen, schwarz gefärbt von meiner Mascara und meinem dick aufgetragenen Eyeliner, auf den Gedichtband getropft sind und schwarze Flecken auf den Seiten verursacht haben. Ich saß in einem Zug, und Nazım schrieb viel über Züge, übers Weggehen und Fremdsein, über Sehnsucht, über den Schmerz, woanders sein zu wollen, es aber nicht zu können. Ich kenne dieses Gefühl schon seit ich mich erinnern kann, es begleitet mich überall, egal, wo ich bin und wie weit ich diesen gottverdammten Ort hinter mir habe, der angeblich Heimat sein soll, was ist Heimat überhaupt, wenn nicht ein Nagelbett.

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(c) Sibel Schick
„Sonra birden anladım ki, yıllardır, ama uzun yıllardır bu tirende yaşıyorum.
—ama, bunu nasıl, neden anladığıma hâlâ şaşıyorum—
ve hep aynı büyük, aynı umutlu türküyü söyleyerek
sevdiğim şehirlerle sevdiğim kadınlardan boyuna uzaklaşıyorum
ve hasretlerini etimin içinde işleyen bir yara gibi taşıyorum
ve bir yerlere yaklaşıyorum, bir yerlere yaklaşıyorum.”**
- Nazım Hikmet, 1960

Türkisch ist die Kolonialsprache auf kurdischem Boden. Das Kurdischverbot in kurdischen Schulen ist Teil der Auslöschungspolitik der Türkischen Republik. Zuerst eine Sprache in Bildungsinstituten verbieten, damit sie sich nicht weiter entwickeln kann, und dann die Rückständigkeit jener Sprache als Ausrede für ein Bildungsverbot auf Kurdisch zu nutzen – so funktioniert das.

Die Muttersprache auf eine Formsache zu reduzieren, und zwar darauf, dass die erste Sprache, die eine Person lernt, automatisch die Muttersprache wäre, macht die Leiden der Menschen und Völker, die um das Recht auf eigene Sprache kämpfen, unsichtbar. Türkisch ist zwar die erste Sprache, die ich gelernt habe, sie ist aber nicht meine Muttersprache. Türkisch ist die Sprache, die ich lernen musste, um zu überleben. Weil es für mich gefährlich gewesen wäre, meine Muttersprache, die Sprache meiner Mutter, Kurdisch, zu sprechen.

Ich wohne seit 2009 in Deutschland und ungefähr seitdem ist Türkisch zu meiner passiven Sprache geworden, weil ich es nicht mehr jeden Tag verwende. Je nachdem in welcher deutschen Stadt man wohnt, ist es leicht oder schwierig, Bücher auf Türkisch zu finden. Als ich in Köln wohnte, konnte ich in einem Laden, der eher ein Lager war, Bücher auf Türkisch kaufen. Die Auswahl war aber ziemlich begrenzt. Einst habe ich dort ein Buch der türkischen Autorin Ece Temelkuran kaufen wollen, und als ich danach fragte („Ece Temelkuran’ın kitapları var mı?”), sagte der Verkäufer: „Die Korans stehen dort drüben.“ („Kuranlar şurada.“) Der Verkäufer kannte die Autorin nicht, und weil das Wort „Kuran“ in ihrem Nachnamen vorkommt, dachte er, dass ich einen Koran kaufen möchte.

Seitdem bestelle ich Bücher auf Türkisch nur noch online. Je nachdem kann die Lieferung Monate in Anspruch nehmen. So kam ein Buch der Feministin Şirin Tekeli bei mir erst nach deren Tod an, obwohl sie noch gelebt hatte, als ich das Buch bestellte. Mich an Büchern festzuhalten, um nicht zu vergessen, wo ich herkomme, ist also keine leichte Sache.

Vor ein paar Wochen habe ich einer meiner besten Freundinnen in der Türkei eine Sprachnachricht geschickt. Sie antwortete darauf auch mit einer Sprachnachricht, in der sie unter anderem sagte, dass ich inzwischen einen Akzent hätte.

Obwohl ich ein kompliziertes Verhältnis zu Türkisch habe, hat mich ihre Feststellung hart getroffen. Ich weiß nämlich von einigen meiner Verwandten, wie es ist, wenn eine Person keine Sprache der Welt wirklich beherrscht, was das mit der Gedankenwelt eines Menschen machen kann. Und in welcher Sprache soll ich mich, meine Persönlichkeit, zum Ausdruck bringen, wenn ich Türkisch langsam verlerne und Deutsch erst seit zehn Jahren spreche. Wer bin ich dann. Wo liegen meine Wurzeln. Gibt es sie überhaupt.

In meinen ersten Jahren in Deutschland fiel es mir schwer, Freund*innenschaften zu knüpfen. Ich hatte immer das Gefühl, dass mich mein Gegenüber nicht wirklich kennenlernen würde, solange meine Gedanken Gedanken bleiben mussten, weil ich sie nicht sprachlich ausdrücken konnte. Ich habe viel auf Deutsch gelesen, um meine Sprachkenntnisse zu verbessern, war aber dabei die ganze Zeit total frustriert, weil ich mir die beschriebenen Räume und Situationen kaum vorstellen konnte. Als Kellnerin zu arbeiten, hat meine Deutschkenntnisse viel weitergebracht als jedes Buch, das ich gelesen habe.

Das Problem, das „Sprachbarriere“ heißt, habe ich selbst innerhalb meiner Familie. Zwischen meinen Großeltern und mir ist immer eine gewisse Grenze, eine unsichtbare Wand, wenn wir miteinander reden: Manchmal fangen sie an, mit mir einfach auf Kurdisch zu sprechen, sie merken es nicht einmal, sie erzählen und erzählen einfach weiter und ich verstehe sie nicht, und sie verstehen mich nicht ganz, wenn ich Türkisch oder Deutsch mit ihnen rede, weil sie weder das eine noch das andere so gut beherrschen wie Kurdisch. Ich weiß bis heute nicht, ob mich meine Großeltern wirklich kennen, ob sie wirklich wissen, was für eine Person ich bin.

Ein Buch in der Hand zu halten, von dem man weiß, wo man zuhause ist, hilft. Ich habe keine Wurzeln, die durfte ich nicht haben, ich bin nirgends zuhause, nirgends habe ich eine Heimat. Außer wenn mich ein Gedicht zum Weinen bringt.

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(c) Sibel Schick

*: „Einen Tag länger zu leben

sogar als du

Verzeihe mir die Abscheulichkeit, meine Schwester.“

**: „Und ich begriff plötzlich, dass ich seit Jahren, seit langen Jahren in diesem Zug lebe.

– aber wie und warum ich das begreife, das wundert mich –

und immer dasselbe große, hoffnungsvolle Lied singend

entferne ich mich ständig von Städten und Frauen, die ich liebe

und trage die Sehnsucht wie eine Narbe tief begraben in meiner Haut

und ich nähere mich irgendwohin, nähere mich irgendwohin.“

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Asal Dardan
Oct 5, 8:42 AM
Ein wirklich wunderbarer Text, gerade der Gedanke, dass die Muttersprache nicht die erste gesprochene Sprache ist. Viele von uns kennen das, diesen Sc...