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FrauFrohmann

Umsehen lernen mit Frau Frohmann, Vol. 3

Früher hat man, habe ich Kerzen direkt auf den Geburtstagskuchen gesteckt, was dazu führte, dass nach deren Auspusten immer ein oder mehrere Stücke mit Wachs befleckt und dadurch tendenziell nicht mehr genießbar waren.

Seit einigen Jahren stecke ich die Kerzen in einen Apfel oder eine Zitrone. Auch das Obst ist nach dem Auspusten ungenießbar, aber der Geburtstagskuchen, der ja bei den Feierlichkeiten zentral ist, kommt unbeschadet davon.

So ähnlich ist es mit dem Lesen. Man kann natürlich immer weiter kategorisch sagen, dass man Literatur ausschließlich als gedrucktes Buch genießen kann. Aber dann verpasst man Literatur, die nur als E-Book oder Blogpost publiziert wird, weil eine Veröffentlichung als gedrucktes Buch wirtschaftlich nicht machbar oder ästhetisch nicht sinnvoll wäre. Oder man übersieht Literatur, die einem in einem Chat oder einem Game begegnet, weil man so etwas gar nicht für möglich hält.

Literatur ist zentral, das Buch ist es nicht. Ein engstirniger Lese-Begriff richtet kulturellen Schaden an. Literatur kann auch auf einer Zitrone oder einem Apfel ihr Feuer entfalten. Sie tut es längst. Man muss es nur wahrnehmen, umsehen lernen.

Etwas unhinterfragt auf eine bestimmte Weise und nicht anders zu machen, weil man es immer so gemacht hat, ist unvernünftig. Literatur kann sehr gut gegen Unvernunft sein, und es wäre doch wirklich schade, wenn man ausgerechnet den Text, der einem in die Zukunft helfen wird, verpasste.

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XOXO,

FrauFrohmann

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Geburtstagsapfel vom heutigen Tag– deshalb kam ich auf die Idee für den Text
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