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Ute Weber

Und wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch eine Blumenwiese ansäen.

Nein, der Planet stirbt nicht. Nur wir.

Nun gut, als komplette Menschheit aussterben werden wir vielleicht nicht, aber es wird eng auf den im Lauf der Klimakatastrophe immer schmaler werdenden, noch bewohnbaren Teilen des Planeten. Und wir werden auf vielfältige Weise unsere Lebensgrundlage zerstört haben und noch grausamer sein zueinander in den Verteilungskämpfen.

Nein, das sind keine rosigen Aussichten, aber selbst wenn wir keine große Hoffnung haben, das alles abzuwenden, so müssen wir es doch versuchen. Weil Fatalismus immer eine Ausrede ist und man am Zynismus letztlich erstickt.

Katze
Hier ein Katzenfoto zum Ausgleich für harte Wahrheiten

Es wird nicht ohne drastische Änderung in der Politik gehen (Energiepolitik!), aber auch nicht ohne Einschränkungen unseres Lebensstils. Die Liste mit sinnvollen Maßnahmen zum Umwelt- und Klimaschutz ist lang. Am einfachsten sollten Umstellungen funktionieren, die unserem Leben etwas Schönes hinzufügen. Womit wir bei den Balkonen und Gärten und der anzusäenden Blumenwiese wären. Und der drängenden Frage, warum ich das hier alles schreibe.

Ich liebe Natur und Garten, habe aber eine sehr pragmatische, nicht romantisierende Beziehung dazu. Zum einen habe ich Biologie studiert, zum anderen bin ich in einer Familie aufgewachsen, die aus der Landwirtschaft kam. Es gab einen großen Nutzgarten zur weitgehenden Selbstversorgung, alles wurde verwertet, alles nicht Essbare kompostiert. Das war vorbildlich nachhaltig, aber vor allem ein Gebot der Sparsamkeit und Knochenarbeit bis zum Umfallen, die von den Frauen der Familie als (natürlich unbezahlter) Vollzeitjob betrieben wurde.

Tatsächlich kenne ich fast alle gängigen Tipps zum klimaschonenden Gärtnern aus meiner Gartenkindheit in den Siebzigern. Ich kann es manchmal gar nicht glauben, dass all das immer noch keine Selbstverständlichkeit ist. Aber wenn ich mich in einer beliebigen deutschen Siedlung umsehe, hat sich wenig geändert, nur die bevorzugte Sorte der immergrünen Heckenpflanzen wechselt alle paar Jahre.

thuja
"Lebens"baum

Die etwas traurige Erkenntnis ist, dass die meisten Leute, die einen Garten besitzen, erstaunlich wenig Interesse daran haben. Wer genug Geld für ein eigenes Haus hat, erwirbt den Garten zwangsläufig mit. Grundstücksgröße hat auch Prestigecharakter. Was man damit dann anfängt, ist meistens von Überlegungen wie Ästhetik im Mainstream (Rasen, immergrüne Hecke, wechselnde Moden mit asiatischen Anklängen) und möglichst geringem Pflegeaufwand geprägt. Diese Ästhetik ist clean, Natur ist immer noch das zu Überwindende, zu Zähmende.

Ich habe im Lauf der Jahrzehnte viele Gespräche mit gutbürgerlichen GartenbesitzerInnen geführt, die meist etwa so abliefen:

„Dein Garten ist so toll, kannst Du mir einen Strauch mit schönen Blüten empfehlen, den ich als Sichtschutz vor die Terrasse pflanzen kann?“

Ich hole tief Luft, um Wuchsformen und Blühzeiten zu erklären, um eine Liste von Pflanzen mit guter Insektentracht runterzurattern. (hier ein Blühkalender)

„Aber nichts, was Insekten anlockt, ich will ja keine Viecher auf der Terrasse haben.“

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Zufriedene Biene auf relativ zufriedenem Sommerflieder (Babypflanze, Wachstum seit Frühjahr ca. 1 Meter)

Alles hängt zusammen. Das ist eine Tatsache, die ich nicht nur im Biologiestudium gelernt habe. (siehe auch massiv abschweifend Douglas Adams +Dirk Gently's Holistic Detective Agency zur fundamental interconnectedness of all things)

Weniger Insekten kann bedeuten weniger Mückenstiche, aber auch weniger Bestäubung von Nutzpflanzen und weniger Vögel (ein großartiges Buch unter anderem dazu: Daniel Lingenhöhl, Vogelwelt im Wandel). Und es ist natürlich alles viel komplizierter, weil eben nicht alle Insektenarten und/oder die Zahl der Individuen einer Art gleichmäßig weniger werden. Biologie ist, wenn es umso komplizierter ist, je genauer man hinschaut. (nicht nur Biologie, das hat Wissenschaft allgemein an sich, was sie bei Populisten unbeliebt macht)

Was wir also tun können, soll zum einen sinnvoll sein, darf aber auch gerne schön sein und Spaß machen, ja sogar das gute Gefühl hinterlassen, etwas Richtiges getan zu haben. Ich habe nie verstanden, warum dieses Gefühl vor allem in Social Media so einen schlechten Ruf hat, sofern – und das ist ein sehr wichtiges SOFERN – man sich mit diesem guten Gefühl nicht nur in Egoshow spiegelt und andere herabsetzt.

Ein wichtiger Teil der Freude an Gartenarbeit beruht auf Gestaltungsmacht, wir bewirken konkret durch unserer Hände Arbeit etwas (sogar meist etwas Schönes). Die drohende Klimakatastrophe (und die Weltpolitik) gibt uns ein Gefühl von Ohnmacht, dem Fehlen von Gestaltungsmacht. Wenn wir dieses Gefühl der Ohnmacht verringern, indem wir einen, wenn auch winzigen Beitrag leisten, vielleicht gibt uns das genug Kraft und Hoffnung, weiterzukämpfen. (denn das müssen wir, siehe oben)

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zufriedener Kompost (Frühphase)

Also, wer zu gemütlich ist auf Links zu klicken (auf der NABU-Homepage gibt es viele gute Texte zum Thema), hier eine ultrakurze Zusammenfassung sinnvoller Maßnahmen im Garten:

  1. Der Boden. Organische Abfälle kompostieren, den Kompost als Dünger verwenden, keinen Torfmull oder torfhaltige Gartenerden (Moore sind Kohlendioxidspeicher). Offene Erdflächen vermeiden (Verdunstung!), Mulchen, Bodendecker.
  2. Der Rasen. Blumenwiese statt Rasen (wenigstens teilweise). Handmäher statt Benzinmäher. Bei Hitze selten mähen. (das alles spart auch Wasser)
  3. Die Grenze. Hecke statt Mauer. Gemischte Blühhecke statt einförmige Thuja oder Kirschlorbeer. Blühsträucher mit verschiedenen Blütezeiten über die ganze Vegetationsperiode.
  4. Der Stellplatz. Rasengittersteine mit Magerrasen statt versiegelter Fläche.
  5. Der Schatten. Bäume pflanzen. Auch für kleine Gärten (Säulenformen), gestaffelte Abfolge von Baum/Strauch/Staude.
  6. Das Licht. Solarleuchten. Akkugeräte. Hausstrom (mit dem man die Akkus lädt) auf Ökostrom umstellen.

Das alles muss kein Upperclass-Hobby sein, auch ohne eigenen Garten kann man z.B. einen Balkon entsprechend gestalten (dazu im Detail ein andermal mehr), einen Schrebergarten pachten, in einem lokalen Naturschutzverein mitarbeiten, sowie politisch Einfluss nehmen auf z.B. klimafreundliche Gestaltung öffentlicher Flächen.

Und nein, ein umwelt- und klimafreundlicher Garten ist nicht notwendigerweise viel mehr Arbeit. Es braucht ein bisschen Mut (in der Nachbarschaft aufzufallen), ein paar Ratschläge (dafür gibt es Links, Bücher und *hüstel* mich) und eine gewisse Grundfaulheit. Denn ich lese lieber im Garten, als dass ich akribisch Verblühtes ausputze, wo sich Marienkäfer verstecken können, die dann die Blattläuse fressen, sofern ich anfangs den Läusebefall aushalte und sie nicht wegvergifte, damit sich ein Räuber/Beute-Gleichgewicht einstellen kann (schon wieder Biologie).

Erst gestern hat mich eine Nachbarin gefragt: „Deine Rosen haben ja gar keine Blattläuse, was machst Du denn gegen die?“

Und ich habe wahrheitsgemäß geantwortet: „Nichts.“

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Volker Oppmann
Jul 19, 12:50 PM
Ute Weber – um das Buch im Artikel direkt zu verlinken kannst Du statt über den Titel (und damit die Buchsuche) zu gehen nach dem "+" am Anfang auch d...
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Nikola Richter
Jul 19, 12:53 PM
Das sollte das Vorwort zu jedem Gartenbuch sein, danke! Ich selbst habe auch festgestellt, dass klassische Wiesenblumen auch für Balkonkästen viel pf...
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Ute Weber
Jul 19, 3:21 PM
Volker Oppmann Danke, ich lern's bestimmt noch, ansonsten fand ich die technische Umsetzung fürs Artikelschreiben mega entspannt. Muss man ja auch mal...
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Ute Weber
Jul 19, 3:29 PM
Nikola Richter Danke. Ich bin wie immer für beides, Licht und Schatten, ein Garten wird umso schöner (imho), je variantenreicher er ist. Ich pflanze n...
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Isa Zeder
Jul 19, 3:51 PM
Danke, danke, danke. Fürs Aufbauen und Mutmachen.