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Geistesgift

Vom Naturzustand, nicht zur Natur zu gehören

Dieser Artikel ist Teil der Artikelreihe Die Domestizierung des Menschen

Erdbeere
Die Erdbeerpflanze weiß nicht, dass sie zur Natur gehört und gefälligst im Beet zu bleiben hat.

Nach der Geburt meines Kindes war ich wie wohl jede Erstlingsmutter, ein klein wenig überfordert. Und meine Art, mit Überforderung umzugehen, ist: Theoriearbeit. Also machte ich mich auf die Suche nach Büchern, die mir Hilfestellung geben könnten. Dabei bin ich auf +artgerecht - Das andere Baby-Buch von Nicola Schmidt gestoßen. Die Idee dahinter: Welche Bedürfnisse haben Babys eigentlich von Natur aus und wie gehen Menschen von Natur aus damit um? Die Kurzantwort lautet: Sie sind mit ihren Babys nicht alleine. Da die allermeisten Ratschläge im Buch damit für mich im Alltag flach fielen, half mir diese Erkenntnis zwar nicht akut weiter, aber die Prämisse des Buches – dass wir heute nicht mehr wissen, was für Menschen eigentlich artgerecht, was natürlich ist – hat mich trotzdem weiter beschäftigt.

Natur ist für mich – und wenn ich mich in den Medien so umschaue, bin ich damit nicht alleine – ein romantisches Konzept. Grüne Wälder, majestätische Berge, unberührte Strände, ein Vogelschwarm, der an der untergehenden Sonne vorbeizieht. Und doch gibt es so etwas wie unerwünschte Natur: Unkraut, Blattläuse, ja selbst die Tauben in der Stadt werden hier regelmäßig von Falkner‘innen vergrämt. Ratten, Disteln und Mücken sind definitiv natürlich vorkommende Lebewesen, trotzdem hält sich die Romantik ihres Anblicks in sehr engen Grenzen. Was hat es mit diesem ambivalenten Verhältnis zur Natur in den Industrieländern auf sich?

Der inkompetente Souverän

Die Menschheit hat schon seit langer Zeit einen gewaltigen Einfluss auf die Flora, Fauna und Landschaft, die sie umgibt. So haben bereits die Römer den Mittelmeerraum nachhaltig entwaldet und außer in Afrika, wo der Mensch sich ursprünglich entwickelt hat, ging die Ankunft unserer Spezies mit dem Verschwinden der lokalen Megafauna – also sehr großer Tiere wie es sie in Afrika noch in der Form von Elefanten, Giraffen und Nashörnern gibt – einher. Doch in der christlichen Kultur ist dieses Verhalten explizit religiös entschuldigt.

„Macht euch die Erde Untertan!“, fordert Gott in die Menschen in der Bibel bereits auf und die christlich geprägten Länder sind diesem Befehl mit haarsträubendem Eifer nachgekommen. Sie haben Tiere domestiziert, andere ausgerottet, Wälder gerodet und Flüsse begradigt. Die gesamte Umwelt wurde dem Diktat der Nützlichkeit für den Menschen unterworfen. Bei Land und Pflanzen nennt man diesen Prozess „Kultivierung“. Bei Tieren „Domestizierung“. Diese kulturelle Prämisse – die Umwelt als zu eroberndes und unterjochendes Anderes – hat jedoch einen tiefen Graben gerissen, der im Westen Mensch und Natur auf gegensätzlichen Seiten positioniert hat. Souverän vs. Untertan.

Es überrascht aus dieser Perspektive nicht, dass Europäer‘innen die Menschen aus anderen Kulturkreisen gerne als „Wilde“ diffamiert haben: Die „Naturvölker“ standen damit auf der anderen Seite des Grabens und konnten – mussten, per Gottes Dekret – erobert werden. Das anhaltende Unrecht, das der Kolonialismus den Ureinwohner‘innen der besetzten Gebiete angetan hat, ist auch heute alles andere als aufgearbeitet. Noch immer kämpfen diese Bevölkerungsgruppen gegen die Kolonialmächte. Zum Beispiel protestierten amerikanische Ureinwohner‘innen gegen eine Pipeline auf ihrem Land und auf Hawaii wehren sich die Einheimischen gegen den Bau eines Teleskops. Die Annahme, dass der „zivilisierte“ Mensch alles, was er an räumlichen und ökologischen Ressourcen findet, uneingeschränkt (aus)nutzen darf, sitzt tief.

Aber wie bei allen Tyrannen wächst der Unmut der Untertanen. Und im Gegensatz zu einer aufständischen Fußbevölkerung lassen sich ökologische Kreisläufe und das Klima nicht mit militärischer Gewalt niederringen. Die Natur hat unsere despotische Herrschaft lange über sich ergehen lassen und wenn sie sich erst einmal gegen uns wendet, haben wir kaum eine Chance.

Ich bitte um Verzeihung für die vielen Kampfbilder, aber genauso fühlt sich der westliche Umgang mit der Natur an. Der Logik Mensch vs. Natur folgend hat sich die abendländische Zivilisation zum Souverän über den Planeten erklärt – und sich dabei desaströs verkalkuliert. Der amerikanische Kontinent und seine Ureinwohner waren alles andere als „wild“, als die Europäer blind vor profitgetriebener Selbstgerechtigkeit darüber hergefallen sind. Ein anderes Verhältnis zwischen Mensch und Natur hatte dort lediglich eine andere Form von Umgang mit Pflanzen, Tieren und Umwelt hervorgebracht, die der europäische Blick nicht als kultiviert erkannte.

Diese Ignoranz gegenüber alternativen Mensch-Natur-Konstellationen hat beim Einfall auf die amerikanischen Kontinente zu einem Genozid geführt. Auf globaler Ebene führt die Herrschaft der kapitalistischen Leistungsgesellschaft, die das christliche Abendland auf der ganzen Welt eingeschleppt hat, zum Ökozid: Zur Abtötung unserer natürlichen Umwelt und zur Störung globaler Klima- und Nährstoffkreisläufe.

Dabei gibt es ein kleines Problem. Die Prämisse, dass Mensch und Natur auf unterschiedlichen Seiten stehen, ist falsch. Menschen sind Teil der Natur. Und wir sind gerade dabei, uns selbst zu vernichten.

Ökologie ohne Natur

Der US-amerikanische Philosoph Timothy Morton kritisiert diese künstliche Grenze zwischen Natur und Gesellschaft in seinem 2007 erschienenen Werk +Ökologie ohne Natur . Selbst solches Denken, das den Fokus auf Ökologie legt, definiere die Natur als ein Objekt in der Distanz, das sauber von unserem Alltag in der menschlichen Gesellschaft trennbar sei. Ökologisch zu denken, ohne Mensch von der Natur zu trennen, bedeutet, dass der Begriff der „Natur“ eigentlich überflüssig ist. Stattdessen spricht Morton von Menschen und Nicht-Menschen, die zusammen ein Netz (mesh) bilden.

Die nicht-menschliche Umwelt als Ressource für die menschliche Nutzung zu sehen, ist in zweifacher Hinsicht verheerend: Zum einen weil kurzfristiger Gewinn an Nutzen oft langfristige Einbußen an Nutzen mit sich bringt. Das führt der aktuelle IPCC Bericht zur Landnutzung eindrucksvoll vor Augen, denn wie wir derzeit mit Land umgehen, begünstigt nicht nur den Kollaps des globalen Klimas, sondern führt auch zu Wüstenbildung und riskiert die Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln. Zum anderen fördert das Ressourcen-Denken eine fatale Ignoranz gegenüber ökologischen Akteuren, die uns nicht ganz unmittelbar nutzen. Die Auswirkungen dieser Ignoranz ist, dass laut eines UN-Berichts eine Million Spezies drohen auszusterben.

Der Mensch hat sich weniger als gutmütiger Souverän denn als egozentrischer Tyrann herausgestellt: Wer ihm nicht nutzt, kann weg. Wer seinem Gewinn im Weg steht, muss es sogar. Der Einsatz von Pestiziden und Herbiziden schadet jedoch nicht nur den unerwünschten „Schädlingen“ sondern auch den „Nützlingen“ wie Bienen und Hummeln. Die Reduktion unerwünschter oder schlicht und ergreifend unbedachter Lebewesen zieht sich wie ein Rattenschwanz durch die gesamte Nahrungskette und auf kurz oder lang werden auch wir ihre negativen Auswirkungen zu spüren bekommen.

Die Systeme, auf deren Grundlage Menschen sich für tausende von Jahren entwickelt haben, kommen ins Wanken. Durch die Industrialisierung haben vor allem die Europäer‘innen und die Kulturen, die von ihnen geprägt wurden, verlernt, sich als Teil dieser Systeme zu begreifen. Der kleinteilige Kontakt mit den nicht-menschlichen Teilen unserer Umwelt geht immer weiter verloren. Das Ergebnis ist eine hanebüchene Umweltinkompetenz. Abseits von Straßen, Häuser und Hotels sind die Bewohner‘innen der Industrienationen von einem Übermaß an Natur vollkommen überfordert. Der Mensch hat sich so weit von der Natur entfernt – sowohl von der nicht-menschlichen als auch der eigenen –, man könnte sagen, er habe sich selbst domestiziert.

Homo Domesticus

Nein, wir müssen nicht alle wieder zu Jägern und Sammlern werden. Technischen Fortschritt als wachsende Barriere zwischen Mensch und Natur zu begreifen, ist genau die Einstellung, die unsere Gesellschaft in dieses Dilemma gebracht hat. Wir sind eine soziale Spezies, Menschen sind immer voneinander abhängig. Aber eben nicht nur von einander. Die Menschheit ist hochgradig abhängig von den Nicht-Menschen um sie herum und der Gesundheit ökologischer Systeme, von denen sie mitsamt unserer Technologie ein Teil ist.

Die Devise kann nicht lauten „Zurück zur Natur“ – wir haben unserer nicht-menschlichen Umgebung bereits genug angetan. Die romantische Idee, sich wie einst Henry David Thoreau in einer selbstgebauten Hütte in den Wald zurückzuziehen und dort im einfachen, naturnahen Leben irgendeine Art Erfüllung zu finden, zerbricht spätestens, wenn du kein alleinstehender weißer Mann bist sehr schnell. Insofern hatte das artgerecht-Babybuch Recht: Menschen sind nicht für das Leben als Einsiedler gemacht.

Menschen haben keinen einen Naturzustand, zu dem es zurückzukommen gilt. Vielmehr stellt sich die Frage, wie wir die unter „Natur“ subsumierten nicht-menschlichen Lebewesen in unsere Gesellschaft holen. Wie wir gesunde Gemeinschaften und Kollektive aus Menschen und Nicht-Menschen bauen, die nicht nur uns, sondern allen nützen. Wie wir aus unserer Abhängigkeit von einem nicht nachhaltigen Wirtschaftssystem ausbrechen und uns wieder als welt- und selbstkompetente Wesen erfahren können.

Es geht bei der Bekämpfung der Klimakrise nicht darum, ein Stück Wald oder den Pandabären oder die Bienen zu retten. Es geht darum, Menschen zu retten. Und die gibt es eben nur mit einem Haufen Natur – also Nicht-Menschen – drum herum. Es ist an der Zeit, den Tyrann zu entthronen und die Erde nicht mehr als Untertan zu sehen. Denn wenn die Erde erst einmal rebelliert, ist es für die Menschheit zu spät.

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Geistesgift
Sep 26, 9:33 AM
Nikola Richter das klingt als wäre es genau mein Ding, ich werde auf jeden Fall reinlesen! Ich hatte das Glück, dass einer meiner Dozenten im Master s...
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Nikola Richter
Sep 26, 1:35 PM
Ich finde wirklich, Morton macht es so gut, so verständlich, so poetisch; habe auch gerade +Die unbewohnbare Erde angefangen, das war viel komplexer, ...
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Nikola Richter
Sep 26, 1:37 PM
Zum Überleben in Klimawandelzeiten ist auch Olivia Butlers +Die Parabel vom Sämann ein absoluter (deprimierender, aber spannender) Lesetipp. Kaliforni...
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Geistesgift
Sep 26, 5:19 PM
Nikola Richter Parable of the Sower hab ich vor Jahren mal gelesen, das muss ich mal wieder rausholen. Die unbewohnbare Erde ertrage ich wahrscheinlic...
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Nikola Richter
Sep 30, 9:38 AM
Dann bist du bestimmt schneller mit Humankind, freue mich auf deine Rezension :). Gegen Panic Mode hilft gerade eh eher Tun statt Lesen (also auf Demo...