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Anne-Marit Strandborg

Walter Kempowski - der Archivar

Kempowski


Walter Kempowski - bis zur Wende sagte mir der Name nichts. So richtig aufmerksam auf ihn geworden bin ich erst, als ich 2001 nach Ostfriesland zog und zwei Jahre später bei den Ostfriesischen Nachrichten im Archiv zu arbeiten begann.

Da gab es nämlich hin und wieder einen Zeitungsbeitrag, in dem berichtet wurde, dass die Landfrauen Walter Kempowski besuchen würden. Da habe ich mich erstmals so richtig schlau über ihn gemacht und gedacht: Ja, da würdest gerne mal mitfahren. Doch dann las ich, was er dazu schrieb:

"Nartum, 27. Juni 1991 Gegen Abend 30 Landfrauen, die unser Haus besichtigen wollten. Ich zog mich zurück und ließ es Frau Schönherr machen, die die Damen ja auch eingeladen hatte. Unter solchen Umständen muß ich arbeiten. Ein Wunder, daß ich überhaupt etwas zustande bringe. Ich blieb am Schreibtisch sitzen und war ebenfalls zur Besichtigung freigegeben."

Dann las ich zwei seiner Tagebücher und war total begeistert. Und dann erinnerte ich mich, dass ich viel früher mal Tadellöser & Wolff lesen wollte und ziemlich am Anfang noch gescheitert bin. Die Biografie von Dirk Hempel - die habe ich verschlungen. Und "Im Block" - das mir richtig nahe ging.

Noch während ich die Biografie las, habe ich mir fast alle Bücher von ihm gekauft. Selbst das Echolot habe ich beisammen, wobei ich den ersten Schuber vom Senior-Chef geschenkt bekommen habe, weil er mitbekommen hat, was für eine Leseratte ich bin.

Im Sirius-Tagebuch fand ich diese Sätze:

"Dachte ans Archiv, an das Wispern meiner lieben Toten, an die stille Maulwurfsarbeit. - Merkwürdig, daß alle meine Berufswünsche in Erfüllung gegangen sind: Schulmeister, Schriftsteller, Archivar. Wenn ich als Kind gefragt wurde: 'Was willst du werden?' antwortete ich: 'Ich will Archiv werden.' Der Zauber, der von Karteien ausgeht. Karteien machen süchtig."

Archivar - ja, er hat ihn gehabt, meinen Traumjob. Den ich nicht mehr habe, seit ich für die Zeitung Korrektur lese.

Ich möchte schon seit Längerem ein Kempowski-Leseprojekt starten. Über sein erstes Buch bin ich noch nicht hinausgekommen. Ich hoffe, ich bekomme den Dreh noch hin.

Zum Schluss noch ein paar Worte von ihm, die ich so wichtig finde:

"Wir sollten den Alten nicht den Mund zuhalten, wenn sie uns etwas erzählen wollen, und wir dürfen ihre Tagebücher nicht in den Sperrmüll geben, denn sie sind an uns gerichtet – die Erfahrungen ganzer Generationen zu vernichten, diese Verschwendung können wir uns nicht leisten. Seit langem bin ich wie besessen von der Aufgabe, zu retten, was zu retten ist, ich habe nie etwas liegenlassen können, ich habe angesammelt, was zu bekommen war, und ich habe alles gesichtet und geordnet."

Ich wäre so gerne dabei gewesen.