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Ohne Norwegen kein mojoreads

Dass Norwegen in diesem Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse ist, freut uns ganz besonders, da sich die Existenz von mojoreads (kein Witz!) tatsächlich einem norwegischen Buch verdankt – genauer gesagt +Puder von Tor Åge Bringsværd.

Und so unwahrscheinlich euch die Geschichte auch erscheinen mag, sie hat sich genau so zugetragen:

Alles begann 2002 mit einem Praktikum bei Rogner & Bernhard, wo sich unser Gründer und Geschäftsführer Volker Oppmann während eines Praxissemesters heftig mit dem Verlagsvirus angesteckt hatte, um anschließend über das Erasmus-Programm an die Uni Bergen an der schönen norwegischen Westküste zu gehen.

Dort hat Volker nicht nur brav Germanistik und Skandinavistik studiert, sondern in Form von Max Tau auch das Thema seiner späteren Magisterarbeit sowie seine Liebe für die norwegische Gegenwartsliteratur entdeckt. Insbesondere ein Buch hatte es ihm ganz besonders angetan: +Puder von Tor Åge Bringsværd (das im Vorjahr gerade frisch bei Gyldendal erschienen war).

2003, frisch zurück in Deutschland, berichtete Volker den Kollegïnnen bei Rogner & Bernhard voller Begeisterung von seiner Entdeckung – doch die blieben skeptisch: Was sollte das sein? Eine Mischung aus Science Fiction, Krimi und Gesellschaftssatire? Und lustig noch dazu? Merkwürdig … (sagte der Verlag, der immerhin Douglas Adams+Per Anhalter durch die Galaxis nach Deutschland gebracht hatte).

Also fing Volker an, eine Probeübersetzung zu machen, ganz nach dem Motto »Wenn sie’s mir nicht glauben, sollen sie’s doch selbst lesen«. Aus den geplanten ersten paar Seiten wurden schnell ein paar mehr Seiten. Dann noch ein paar Seiten. Dann ganze Kapitel. Schließlich war der Roman fertig übersetzt. Und Volker hatte eine ganz andere Idee: Warum nicht selbst einen Verlag gründen?

Gesagt, getan. Oder zumindest fast. Erst noch schnell die Magisterarbeit über +Max Tau und der Neue Verlag (2004) fertig schreiben, dann ein Volontariat machen (2005) und schließlich noch ein Aufbaustudium für Desktop-Publishing (2006). Dann 2007 endlich die Gründung von ONKEL & ONKEL mit dem ersten Verlagsprogramm 2008.

Einziges Problem: Wie einen Titel vermarkten, wenn man kein Marketing-Budget hat? Zum Glück passierten damals im Sommer 2008 gleich mehrere Dinge auf einmal: Volker, der eigentlich seinen Mobilfunkvertrag kündigen will, lässt sich von einem gewieften Telekom-Mitarbeiter ein iPhone aufschwatzen. Außerdem kündigen Deutschlands größte Buchhandelskette Thalia, der Großhändler Libri und Sony an, im kommenden Jahr (genauer gesagt im Frühjahr 2009) mit einer E-Book-Kooperation zu starten und damit dem Deutschland-Start des Kindle zuvorkommen zu wollen. Die Verlage werden angehalten, E-Books (im Format ePub) zu produzieren und an Libri zu liefern, damit zum Start des Sony Readers bei Thalia dann auch ein entsprechendes Titelangebot parat steht. Random House kündigt an, gleich mit 3.000 Titeln starten zu wollen und der Rest der Branche steht Kopf.

Zurück zu ONKEL & ONKEL: Super. Jetzt also auch noch E-Books. Dabei immer noch keine Idee, wie man die gedruckte Verwandtschaft an den Mann (bzw. die Frau) bringen soll. Dann launcht im Juli 2008 der deutsche iTunes App Store und öffnet den Markt für Apps auf iPhone und iPod touch. Und Volker macht beim Testen des neuen App Stores eine interessante Entdeckung: Ein amerikanischer Anbieter namens App Engines hat dort zwei eBook-Apps eingestellt: Dracula von Bram Stoker und Frankenstein von Mary Shelly. Die Firma ist aber weder ein Verlag noch eine Buchhandlung, sondern eine Software-Firma, die sich kurzerhand an rechtefreiem Content bedient hat. Clever!

Eine neue Idee nimmt Gestalt an: Was wäre, wenn es ONKEL & ONKEL gelingen würde, bereits zur Frankfurter Buchmesse 2008 – und damit ein halbes Jahr vor den Branchengiganten Thalia, Libri und Random House mit einem lieferbaren eBook-Programm am Start zu sein? Das wäre genau DIE Story, mit der es gelingen sollte, Aufmerksamkeit auf das erste Verlagsprogramm zu ziehen! Einziges Problem: Es ist mittlerweile August 2008, die Messe ist bereits in zwei Monaten und in Deutschland scheint es noch keine Entwickler zu geben, die für iOS programmieren können.

Apple Deutschland kann auch nicht helfen. Dann bringt ein Anruf beim damals größten Apple-Händler Gravis den entscheidenden Hinweis: Sprecht mit Michael Oesterreich von der theCo.de AG, der war in den 90’ern bei NEXT und hat das NEXT OS mitentwickelt, auf dem auch das heutige iOS basiert. Es stellt sich heraus, dass theCo.de nicht nur in Berlin Kreuzberg, sondern sogar direkt um die Ecke sitzt.

Eine halbe Stunde später sitzen Volker und Simon Seeger (damals Werkstudent für Pressearbeit bei ONKEL & ONKEL) bei Michael Oesterreich und stoßen auf offene Ohren. Der Deal ist: Michael sagt zu, dass er das bis Oktober hinbekommt und bittet im Gegenzug, dass die beiden weiter mit ihm zusammenarbeiten, wenn später einmal mehr daraus werden sollte. Top, die Wette gilt!

Und tatsächlich: Es gelingt, die ersten beiden Apps zur Frankfurter Buchmesse 2008 fertig zu bekommen und unter dem Label textunes in den App Store einzustellen – zuerst +Puder und dann +Schlafende Hunde. Auf einem selbst gezimmerten Holzpodest in der Mitte des 4qm-Standes in der Halle 4.1 liegen zum Messestart zwei iPod touch, an den Wänden flankiert von Büchern. Eine Etage tiefer, auf der Zwischenebene 4.C, halten Thalia, Libri und Sony derweil eine Pressekonferenz ab, um den Start des Sony Readers zur Leipziger Buchmesse im März 2009 anzukündigen.

Im Anschluss schwirren viele Journalisten und Kamerateams durch die Gänge, auf der Suche nach einem Stand, an dem der Sony Reader präsentiert wird – leider bzw. zum Glück, erfolglos, da weder Sony noch Thalia mit einem Stand vertreten sind. Ein Kamerateam von ZDF Aspekte identifiziert den Stand von ONKEL & ONKEL als technikaffin und fragt, ob Simon und Volker wüssten, wo man den Sony Reader sehen könnte – denn sie hätten den Auftrag, einen Beitrag über eBooks zu machen.

Einen Sony Reader hatten die beiden nicht zu bieten, dafür aber eBook-Apps für iPhone und iPod touch. Die Journalisten bekommen große Augen, fragen, ob die beiden sie verarschen wollen, lassen sich die Apps vorführen, telefonieren eilig mit ihrer Redaktion und entscheiden: Dann machen wir eben was über eure Apps!

Die Branche reagiert zweierlei: Die einen mit Hohn und Spott, da doch wirklich niemand auf so kleinen, verspiegelten Displays lesen wolle und außerdem Smartphones keine Verbreitung finden würden, da viel zu teuer. Man möge nur warten, bis im kommenden Jahr »die richtigen E-Books« kämen, dann krähe kein Hahn mehr nach irgendwelchen Apps. Und dann gab es noch die anderen, die die Idee gut fanden und auch so etwas haben wollten.

So kam ONKEL & ONKEL von der Messe zurück mit einer 5-stelligen Anzahl an App-Downloads sowie ersten Aufträgen für App-Entwicklung von anderen Verlagen. Plötzlich war da neben den eigenen eBook-Apps ein B-2-B-Geschäft, mit dem niemand gerechnet hatte. Und es kamen immer neue Aufträge. So viele, dass sie zu dritt nicht mehr zu bewältigen waren – schon gar nicht, wenn man »nebenbei« noch ein ganz anderes Geschäft zu führen hatte. Was also tun? Richtig. Eine neue Firma gründen!

Aus textunes, dem digitalen Taschenbuchlabel von ONKEL & ONKEL, wurde im Frühjahr 2009 die textunes GmbH, als Joint Venture von ONKEL & ONKEL und der theCo.de AG sowie einer kleinen Beteiligung von Simon Seeger, der inzwischen sein Studium abgeschlossen hatte und voll mit einstieg – für ein eher symbolisches Gehalt, dafür aber echte Firmenanteile.

textunes wächst, braucht frisches Kapital, findet 2010 eine Finanzierung durch den High Tech Gründerfonds (HTGF) in Bonn sowie die Verlagsgruppe Oetinger in Hamburg. Im Sommer 2011 kommt dann ein Übernahmeangebot von Thalia, die nicht nur die Technologie erwerben wollen, sondern das gesamte Team. Vor allem soll das textunes-Gründer-Team die Verantwortung für den digitalen Geschäftsbereich bei Thalia übernehmen – ein Angebot, das man nicht alle Tage bekommt.

Zum 01.08.2011 ist der Deal vollzogen und das textunes-Team hat neue, größere Aufgaben. Wie groß, wird erst in den kommenden Monaten klar, da es um weit mehr als nur Thalia gehen wird – das Team arbeitet an der Vorbereitung der tolino-Allianz, die, nach Freigabe durch das Bundeskartellamt (immerhin sollten sich hier die ehemaligen Wettbewerber Thalia, Hugendubel und Weltbild gegen Amazon verbünden) zur Leipziger Buchmesse im März 2013 an den Start gehen sollte.

Der Launch des Tolino auf der Leipziger Buchmesse ist gleichzeitig auch die Abschiedsvorstellung von Volker, der bei allem Stolz über das gelungene Projekt doch auch ein immer größer werdendes strukturelles Problem sieht:

Denn ganz egal, wer das digitale Rennen auch gewinnen wird, Amazon oder die Tolino-Allianz unter Führung von Thalia – aus gesamtgesellschaftlicher Sicht liegen die systemrelevanten Infrastrukturen für die öffentliche Versorgung mit (Buch-) Inhalten damit in den Händen privatwirtschaftlicher Großkonzerne, deren oberstes Ziel kein Gewinn an Verständnis und Erkenntnis (mithin also ein humanistisches Bildungsideal im Sinne der Aufklärung) ist, sondern ein rein unternehmerischer Gewinn (im Sinne des Shareholder Value – warum das ein Problem ist, könnt ihr hier nachlesen).

Volker verlässt Thalia / die Tolino-Allianz 2013 mit dem Ziel, eine unabhängige Plattform aufzubauen, die zwar marktwirtschaftlich funktioniert und sich auch gegen die kommerziellen Wettberber durchzusetzen weiß, im Hintergrund aber von einer gemeinnützigen Organisation (idealerweise einer Stiftung) getragen wird.

Die gemeinnützige Trägerschaft soll sicherstellen, dass die Plattform trotz eines normalen wirtschaftlichen Betriebs am Gemeinwohl orientiert bleibt – um so ein kooperatives Netzwerk aufzubauen, das den unabhängigen Teilnehmern der Buchbranche ermöglicht, gemeinsam (d.h. gebündelt über eine Plattform) ihren Platz in der digitalen Welt zu behaupten und nicht von einem großen Konzern aus dem Markt gedrängt zu werden.

Als Vorläufer unserer noch zu errichtenden Stiftung rief ein kleines Häufchen idealistischer Branchen-Profis im Mai 2013 den log.os Förderverein ins Leben. Aus ersten Ideen wurden erste Konzepte, die dann auf der log.os Kick Off-Konferenz am 01.02.2014 in der Berliner Akademie der Künste zum ersten Mal einer interessierten (Branchen-) Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Anschließend machte man sich auf die Suche nach Geldgebern, um eine Firma zu gründen, welche diese Konzepte dann in die Tat umsetzen sollte.

Das erforderliche Kapital wurde schließlich durch Konrad Schwingenstein, einem Enkel von August Schwingenstein (einem der Gründer der Süddeutschen Zeitung) zur Verfügung gestellt, sodass die log.os GmbH & Co. KG im Mai 2015 ins Handelsregister eingetragen werden und ihre Arbeit aufnehmen konnte – wiederum mit einem Dreierteam, diesmal bestehend aus Volker, Taner Topal (einem weiteren textunes-Weggefährten) und Kiran Pasavedala, der nach mehreren Jahren im Airbus Innovation Lab in Toulouse kurz zuvor nach Berlin gekommen war.

Auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2015 wurde dann der erste Prototyp präsentiert, der damals noch nicht viel mehr war als ein besserer Klickdummy – erneut mit +Puder als erstem verfügbaren Buch, auch heute noch leicht an der Edition-ID 1 am Ende der URL zu erkennen: https://mojoreads.de/book/PuderTor-Aage-Bringsvaerd-Volker-Oppmann/1

Es folgten zwei Jahre intensiven Testens und Entwickelns – und natürlich müssten auch die Verlage ein weiteres Mal davon überzeugt werden, ihre Inhalte für die neue Plattform zur Verfügung zu stellen. Die eBook-Akquise war 2017 abgeschlossen, sodass im zweiten Schritt die Einbindung des Print-Sortiments über die beiden Großhändler Umbreit und Libri angegangen werden konnte, was dann im letzten Jahre erfolgt ist.

Außerdem hatten wir uns entschieden, einen anderen Produktnamen für die Plattform zu finden und an Stelle der ursprünglichen .social-Domain (als augenzwinkernder Fingerzeig im Sinne von „social business“ im Gegensatz zum typischen „dotcom business“) auf klassische Domain-Endungen zu setzen, da .social leider niemand verstanden hat – aus www.logos.social wurde www.mojoreads.com bzw. www.mojoreads.de und damit die Plattform, wie ihr sie heute kennt.

Insofern würde es uns sehr freuen, wenn ihr anlässlich von Norwegen als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse unserem norwegischen Autor Tor Åge Bringsværd ebenfalls die Ehre erweisen würdet – wir haben ihm und seinem Buch eine Menge zu verdanken, denn ohne +Puder wären wir heute alle nicht hier.

Gyldendal Norsk Forlag Hæge Håtveit Moe
Tor Åge Bringsværd (c) Gyldendal Norsk Forlag, Hæge Håtveit Moe (Fotograf)

PS: Ihr seht – Literatur wirkt! Wenn auch manchmal ganz anders als erwartet. Dafür aber langfristig und nachhaltig. Die volle Wirkung wird mojoreads entsprechend auch erst in 5 bis 10 Jahren entfalten, sodass wir dann (wahrscheinlich zur Buchmesse 2028) gerne Sam Walton, den Gründer von WalMart zitieren werden:

»Like most overnight successes, it was about twenty years in the making.«
  • Tor Åge Bringsværd
  • Puder
  • Textunes
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  • Norwegen
  • Buchmesse
  • Gastland
  • Fbm19
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Anne-Marit Strandborg
Oct 18, 12:16 PM
Danke für diesen tollen Bericht ❤️
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mojoreads
Oct 18, 12:32 PM
Sehr, sehr gerne 😃
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susan kon
Oct 18, 3:15 PM
Spannend zu lesen