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linusgiese

Was mir das Leben rettete

Linus (1)


Das letzte Buch, das ich las, war Hunger von Roxane Gay. Ich erzähle das, weil die Autorin an einer Stelle etwas schreibt, das ich niemals vergessen werde: Ich sage oft, dass Lesen und Schreiben mir das Leben retteten. Das meine ich wörtlich. Ich meine es auch wörtlich, wenn ich sage, dass ich diesen Satz unterschreibe. Auch mir retten Lesen und Schreiben immer wieder zuverlässig das Leben.

Bücher, Literatur haben in meinem Leben immer schon große Rollen gespielt. Ich erinnere mich gut, wie ich als Kind jeden Freitag in die Bibliothek ging, um einen Stapel neuer Bücher mit nach Hause zu nehmen. Nach und nach las ich mich durch die Regale an Kinder- und Jugendbüchern und fand Geschichten, die mir halfen, mein Leben und mich selbst zu verstehen. Ich las z. B. Jan, mein Freund von Peter Pohl und wünschte mir, ebenfalls eine Familie zu finden, die mich aufnahm, sich um mich kümmerte, mich pflegte. Danach las ich Pohls Meine Freundin Mia – und verstand zum ersten Mal, dass ich nicht das einzige Kind war, das ein alkoholkrankes Elternteil hat und dieses Gefühl der Überforderung kennt. Es gab da draußen also Kinder, die die gleichen Ängste hatten und die gleiche bodenlose Traurigkeit fühlten. Ich las das Buch und wünschte mir eine Freundin, mit der ich Traurigkeit und Ängste teilen könnte.

Ich las mich durch Aidan Chambers’ Jugendbücher – Tanz auf meinem Grab war der erste schwule Roman, den ich entdeckte. Das Buch erschien 1982 und Begriffe wie „homosexuell“ oder „schwul“ fielen darin nicht, doch ich begriff zwischen den Zeilen, dass Barry und Hal nicht nur miteinander befreundet sind, sondern mehr empfinden. Etwas viel Tieferes, für das ich aber noch keine Worte hatte.

Ich wuchs in den 90er Jahren auf. Meine Eltern brachten mir über Sexualität nichts bei – ich meine nicht einmal queere Sexualität, sondern überhaupt Sexualität. Auch in der Schule sprachen wir nicht darüber. Ich erinnere mich, dass wir eine Aufklärungsstelle besuchten, in der uns erzählt wurde, dass wir Kondome benutzen müssten und keine Drogen nehmen dürften – doch niemand erklärte mir, wer ich bin und wen ich lieben kann. Geschweige denn, wie ich lieben kann. Alles, was ich über mich und mein Leben lernte, kam aus Büchern. Als ich Bleib cool, Samantha von Meg Cabot las, lernte ich, wie sich Menschen selbst befriedigen können, die eine Vagina haben. Es war fast eine Schritt-für-Schritt-Anleitung und ich verbrachte lange Stunden mit dem Buch im Badezimmer und probierte die Duschkopf-Methode aus.

Von den Regalen mit den Kinder- und Jugendbüchern schlich ich mich bald in die Räume mit „Erwachsenenbüchern“. Ich habe noch den schockierten Blick einer Bibliothekarin vor Augen, als ich mit 15 Jahren vor ihr stand und nach Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund fragte. Als ich schließlich das Buch Boys don’t cry las, empfand ich das wie eine Offenbarung. Brandon Teena. Ich wollte sein wie er, aussehen wie er, mich bewegen wie er, geliebt werden wie er. Nur sterben wollte ich bitte nicht. Was ich niemals vergessen werde: den Moment, in dem er sich zum ersten Mal die Haare abschneidet; die Angst, als er aufwacht und sieht, dass er seine Periode bekommen hat; die Tatsache, dass seine Freundin Lana ihn und seinen Körper wahrnimmt, akzeptiert und begehrenswert findet. Was ich auch nie vergessen werde: Dass Brandon am Ende sterben muss - er wird umgebracht, weil andere nicht ertragen können, dass er ein trans Mann ist.

Mit Anfang zwanzig verschlang ich alles von Wally Lamb, Janet Fitch, Sarah Kane und Ned Vizzini. Für mich waren Bücher schon immer nicht nur Unterhaltung, sondern Lebensratgeber, die mich anleiten und unterstützen. Das hat etwas mit Orientierung zu tun, damit, einen Platz in dieser Welt und in meinem eigenen Leben finden zu wollen. Zu wissen, wer ich sein möchte und wie ich leben will, war nie leicht für mich. Bücher waren für mich eine wertvolle Möglichkeit, einen Blick in das Leben anderer Menschen zu werfen:

Wie findet man heraus, wer man ist? Wie geht man mit Traurigkeit und Unglück um? Was fehlt zum Glück? Und wie stellt man sich dem Leben und dem Tod? All das sind Fragen, die mich beschäftigen und auf die ich Antworten in Büchern finde. Dort begegnen mir Menschen, die ähnliche Dinge erleben wie ich oder die gleichen Ängste empfinden. Bücher bieten Anregung, Anleitung und Orientierung. Was könnte mir besser helfen als all die Lebenserfahrungen von Romanfigur*innen, in deren Lebensentwürfe ich als Leser wie durch ein Fenster hineinschauen darf?

Vor mehr als zehn Jahren fing ich an, ein Notizbuch zu führen, in das ich Sätze aus Büchern schrieb, die mir besonders viel bedeuteten. Dieses Notizbuch ist mein ganz persönliches Selbsthilfebuch. Damals hoffte ich wirklich, dass mich jedes Buch, das ich las, klüger machen würde, selbstsicherer, zufriedener. Und, dass mir Bücher irgendwann endlich die Angst vorm Leben nehmen würden.

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Ein Blick auf meine Bücherregale

Seit ich als Buchhändler arbeite, hat sich mein Blick auf Literatur verändert. Täglich kommen Menschen zu mir, weil sie nach Büchern suchen, in denen sie selbst repräsentiert werden. Erst gestern sagte eine junge Frau: Ich suche nach Büchern über alleinerziehende Mütter, aber bitte nichts, das problematisiert. Ich möchte einfach nur eine gute Geschichte – mit einer alleinerziehenden Mutter. Es kommen Eltern, die Bücher für ihre Kinder suchen, die ihr Geschlecht in Frage stellen oder trans sind. Es kommen Eltern von Kindern, die gemobbt werden oder im Rollstuhl sitzen. Lesbische Paare, die ihrem Kind ein Buch vorlesen wollen, in dem es um zwei Mütter geht. Eltern, die ihr Kind mit Hilfe einer Samenspende gezeugt haben und sich ein Buch wünschen, das davon erzählt. Stattdessen aber gibt es ein Dutzend Bücher, die davon erzählen, dass Kinder vom Storch gebracht werden.

All diese Menschen sind nicht nur auf der Suche nach Büchern und Geschichten, sondern auch nach Anleitung, Rat und Trost. Letztendlich suchen sie Repräsentation. Ich kann das so gut verstehen! Als ich aufwuchs, gab es keine Bücher, in denen ich repräsentiert wurde. Ich fand mich nicht in Geschichten, Texten oder Büchern – jemanden wie mich gab es einfach nicht. Ich habe heute eine große Schwäche für Jugendbücher, weil ich mir jetzt, als Erwachsener, etwas zurückholen kann und will, das ich als Jugendlicher einfach nie bekam.

Gerade las ich Ramona Blue von Julie Murphy und Ein Happy-End ist erst ein Anfang von Becky Albertalli. Das Schöne an beiden Jugendbüchern ist, wie beiläufig queer und divers sie sind. Eine der Figuren hat lesbische Mütter, eine andere nutzt genderneutrale Pronomen. Alles ganz beiläufig und entspannt: Diese ganz entspannte Verwendung eines genderneutralen Pronomens. Betrifft mich zwar nicht direkt, aber fühlt sich trotzdem an wie eine Umarmung. Oh, wie sehr hätte ich mir solche Bücher als Jugendlicher gewünscht und wie sehr wünsche ich mir für heutige Jugendliche, dass es ihnen hilft, solche Bücher zu entdecken.

Was wünsche ich mir von Büchern?

Als ich Roxane Gays Hunger beendet hatte, brach ich in Tränen aus: Es waren Tränen der Scham und der Erleichterung. Noch nie habe ich mich in einem Buch so sehr wiedergefunden. Im Englischen und mittlerweile auch im Deutschen nennt man diese Bücher, die emotionaler, literarischer als klassische Autobiografien sind Memoir. Ich liebe Memoirs. Ich liebe Bücher, wenn sie schonungslos und radikal sind. Ich liebe, dass es solche Bücher jetzt auch endlich auf Deutsch gibt. Ich liebe es, dass immer mehr Menschen wagen, sich verletzbar zu machen, um gesehen und verstanden zu werden. Ich wünsche mir noch mehr Menschen, die sich so verletzbar machen und denen der Raum, die Zeit und das Geld gegeben wird, um ihre Geschichten erzählen zu dürfen.

Ich merke in letzter Zeit immer öfter, dass mir die Geduld für vieles fehlt, was aktuell veröffentlicht wird. Ich brauche nicht das fünfte Buch eines alternden männlichen Musikers, ich habe Bücher über die Natur und das Gehen satt – ich wünsche mir stattdessen junge Stimmen, weibliche Stimmen, queere Stimmen.

Und vor allem: Ich wünsche mir own voices, die endlich ihre Geschichte erzählen dürfen. Es ist toll, dass in diesem Frühjahr eine Graphic Novel zum Thema trans erschien. Doch warum erscheint keine Graphic Novel, gezeichnet und geschrieben von einem trans Mann? Es ist toll, dass es ein neues Jugendbuch zum Thema trans gibt – doch warum hat es ein cis Mann geschrieben? Ich sehe gerade auf Netflix die Serie Stadtgeschichten– in einer Szene hat Jake ein Date mit einem anderen Mann. Im Moment, bevor die beiden intim werden, sagt Jake:Übrigens,ich bin trans. Ich sah mir die Szene ein dutzendmal an und hätte fast angefangen zu weinen, weil diese Art der Repräsentation so selten ist.

Als die Folge zu Ende war, habe ich gegoogelt und herausgefunden, dass der Schauspieler von Jake genderqueer und trans ist – und weinte fast noch einmal: Endlich gibt es trans Männer im Fernsehen, die am Ende nicht sterben müssen und sogar von trans Männern gespielt werden. In einem Radiointerview sagte ich mal, dass trans Menschen ihre Geschichte selbst erzählen müssen. Daran glaube ich immer noch – und zwar nicht nur in Serien, sondern auch in Büchern und Artikeln.

Ich habe weder die Kraft noch die Geduld dafür, weiterhin kostenlos Medien und Journalist*innen auf Twitter für fehlerhafte und schlechte Formulierungen in Artikeln über trans Menschen zu kritisieren. Ich habe keine Lust mehr darauf, dass cis Menschen dafür bezahlt werden, Artikel über mein Leben im falschen Körper zu schreiben. Mich macht das zunehmend ungehalten, wütend: Ich wünsche mir trans Menschen in Medien- und Verlagshäusern. Ich wünsche mir trans Menschen, die entscheiden dürfen, die publizieren dürfen, und die dafür die Sichtbarkeit, den Raum und das Geld bekommen.

Mir ist klar, dass das wie eine Utopie klingt, doch ich glaube daran, aus Texten und Geschichten zu lernen, wie man leben und lieben kann. Ich glaube daran, dass Texte helfen können, Antworten zu finden. Mich haben Texte mutiger, stärker, klüger, geduldiger und verständnisvoller gemacht. Und deshalb glaube ich, dass es wichtig ist, dass sich in den Texten, die publiziert werden, noch viel stärker abbildet, wie divers unsere Gesellschaft geworden ist.

  • Repräsentation
  • Own Voices
  • Diver
  • Queer
  • Lgbtq
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Volker Oppmann
Jun 28, 6:49 AM
Ein wunderschöner und berührender Text, lieber Linus! Vielen lieben Dank dafür ❤️ Und ich hoffe, dass Dein Text ganz viele Leser*innen findet, denen D...
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linusgiese
Jun 28, 6:53 PM
Vielen lieben Dank fpr die netten Worte, jetzt ist auch endlich mein schönes Bild nicht mehr abgeschnitten!
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Volker Oppmann
Jun 28, 8:42 PM
Danke Dir !!
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Frohmann
Jul 3, 10:25 AM
So gut. Hoffe, der Artikel wird einmal rund um den Globus geteilt.