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Volker Oppmann

Welttag des Buches

Mit dem »Welttag des Buches« möchte die UNESCO das Lesen feiern. Doch wie ist es im Zeitalter der Digitalisierung eigentlich um das Lesen bestellt? Passen »Lesen« und »Buch« überhaupt noch zusammen? Und was hat das mit Demokratie zu tun? Zeit für eine Bestandsaufnahme.

Welttag_des_Buches

Die gute Nachricht: Wir lesen heute mehr denn je. Die schlechte Nachricht: Das Meiste davon am Bildschirm. Denn wir lesen damit auch anders als in Büchern: kürzer, fragmentarischer, oberflächlicher.

Das Lesen als Kulturtechnik ist gerade einmal 6.000 Jahre alt. Es ist nicht angeboren, sondern muss erst erlernt und vor allem immer wieder geübt bzw. praktiziert werden, damit wir die erworbene Fähigkeit nicht wieder verlieren. Denn Lesen ist viel mehr als den Wortsinn von Buchstaben entziffern zu können.

Lesen als bewusste und vor allem regelmäßige Tätigkeit stimuliert unser Gehirn. Es führt dazu, dass unser Gehirn neue Vernetzungen ausbildet. »Richtiges« Lesen hat einen direkten Einfluss auf unsere kognitiven Fähigkeiten – angefangen von der Konzentration über das analytische Denken und das Tiefenverständnis bis hin zur Empathie, also sich in andere Menschen, ihre Sichtweisen und ihre Gefühlswelt hineinversetzen zu können.

Dies gelingt aber nur, wenn wir konzentriert und frei von Ablenkung lesen – idealerweise auf Papier, wie die Neurowissenschaftlerin und Leseforscherin Maryanne Wolf in der NZZ betont. Das digitale Lesen im Netz sei dem kritischen Denken hingegen eher abträglich. Wolf sieht darin sogar eine Gefahr für die Demokratie:

Wir werden faul, kognitiv ungeduldig und bleiben lieber in unseren Gedankensilos, weil das weniger Zeit und Anstrengung braucht. Damit sind wir leichte Beute für falsche Ängste und trügerische Hoffnungen, und dies sind die beiden wichtigsten Werkzeuge von Demagogen. Diese Atrophie, also das Verkümmern unseres Denkens, hat Auswirkungen auf unsere Demokratie.

Zwischenfazit: Es ist also nicht nur entscheidend, was wir lesen (idealerweise längere Texte), sondern auch wie wir lesen (idealerweise ablenkungsfrei und konzentriert auf Papier). Dieser Aspekt der persönlichen Lesegewohnheiten betrifft uns zunächst einmal ganz individuell.

Es gibt aber noch einen weiteren, kollektiven Aspekt des Lesens (bzw. von Literatur im Allgemeinen), der für unsere Demokratie nicht minder wichtig ist – und das ist die Funktion von Literatur für die Gesellschaft.

Literatur als Marktplatz der Ideen

Im Stadtstaat der Antike trafen sich die viel gerühmten Dichter und Denker auf dem öffentlichen Marktplatz (d.h. der griechischen Agora oder dem römischen Forum), um miteinander zu diskutieren und öffentliche Debatten zu führen. Dort wurde im wahrsten Sinne des Wortes Meinung gebildet und Politik gemacht – denn Politik ist alles, was die »Polis«, also die Stadt bzw. den (Stadt-) Staat betrifft.

Diese Rolle eines öffentlichen Diskussionsforums bzw. eines Marktplatzes der Ideen übernahm spätestens mit Erfindung des Buchdrucks die Literatur. Literatur in ihrem weitesten Sinne ist also ein kollektives Kommunikationsmittel, über das wir uns als Gesellschaft informieren und verständigen können.

Von Gutenberg bis zur Erfindung elektronischer Medien wir Radio, Fernsehen und Internet wurde der öffentliche Diskurs vornehmlich über bedrucktes Papier geführt – sei es in Form von Flugblättern, Zeitungen, Journalen/Zeitschriften oder Büchern.

Die Agora als virtueller Raum

Die Digitalisierung verändert die Art und Weise, wie wir miteinander kommunizieren. Der öffentliche Diskurs, ehedem von Printmedien getragen, verlagert sich ins Netz – allen voran in die so genannten Sozialen Netzwerke.

Aufmerksamkeit, Repräsentation und damit letztlich auch Recht bekommt in der heutigen Onlinewelt aber nicht das bessere Argument, sondern der Beitrag, der mehr Reichweite generiert – sei es, weil er stärker polarisiert und/oder das größere Werbebudget hinter sich vereint.

Künstliche Reichweiten und damit Manipulation von Aufmerksamkeit bieten damit nicht nur beste Voraussetzung für gezielte Werbung, sondern auch einen idealen Nährboden für gezielte Desinformation, Propaganda und Populismus.

Diese Verzerrung öffentlicher Wahrnehmung und politischer Meinungsbildung untergräbt unsere freiheitlich-demokratische Gesellschaftsordnung.

Aus diesem Grund benötigen wir demokratiefähige Strukturen im Netz, die Erkenntnisgewinn vor Gewinnmaximierung setzen und auf die Manipulation ihrer Nutzer'innen durch bezahlte Reichweiten (Werbung) verzichten. Oder um Philipp Bovermann zu zitieren:

Auf der Agora, dem öffentlichen Marktplatz von Athen, wurde einst die Demokratie begründet. Wie wäre es also mit einem digitalen Marktplatz, um sie wiederzubeleben?

Ein demokratischer Marktplatz der Ideen

Aus diesem Grunde bauen wir mojoreads. Der Zweck unseres Unternehmens ist (ich zitiere hier unsere Gesellschaftervereinbarung), das Potenzial der Digitalisierung in den Dienst einer freiheitlich-demokratischen Wissens- und Informationsgesellschaft zu stellen, unser digitales Kulturerbe zu sichern sowie dem Individuum vollumfängliche Teilhabe zu ermöglichen.

Vollumfängliche Teilhabe bedeutet neben den kommunikativen und publizistischen Möglichkeiten unserer Plattform (die erst ganz am Anfang stehen) auch, dass alle an der gemeinsamen Wertschöpfung partizipieren – intellektuell wie ökonomisch.

Deshalb beteiligen wir unsere Nutzer'innen auch an den Verkaufserlösen, die durch ihre Tätigkeiten als Vermittler'innen von Literatur entstehen. Denn Rezensionen, Artikel, Blogbeiträge und selbst kurze Posts haben einen Wert: Sie tragen dazu bei, dass Bücher bekannt und gekauft werden.

Bücher sollen nämlich nicht nur gelesen, sondern auch gekauft werden! Das ist ein ganz wesentlicher Aspekt von Buchkultur und literarischer Vielfalt. Autor'innen können nur dann schreiben, wenn sie es sich auch leisten können, idealerweise indem sie von ihrem Schreiben leben können.

tl;dr

Bücher lesen ist nicht nur gut für eine'n selbst, sondern auch für die Gesellschaft. Also lasst uns das Buch feiern, nicht nur heute, sondern jeden Tag!

In diesem Artikel erwähnte Beiträge:

Und um das mit dem »deep reading« (d.h. dem vertieftem, konzentriertem Lesen) gleich zu üben, empfehle ich das Buch von Maryanne Wolf »Schnelles Lesen, langsames Lesen«:

  • Welttag Des Buches
  • Buch
  • Lesen
  • Demokratie
  • Agora
  • Gesellschaft
  • Plattform
  • Kapitalismus
  • Plattformkapitalismus
  • Aufmerksamkeitsökonomie
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Volker Oppmann
Apr 24, 7:25 AM
PS: Die Zitate im Text habe ich per copy & paste eingefügt, dann den entsprechenden Absatz markiert und über das dann aufploppende Kontext-Menü als Zi...
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Kia
Apr 26, 10:25 AM
danke für die Infos :)
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WriteReadPassion
May 3, 11:32 AM
Einer der Gründe, wieso ich ebooks nicht so gerne habe ... wichtig ist aber auch, mit der Zeit zu gehen. Eine Kombination aus beidem (Kompromiss) ist ...
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WriteReadPassion
May 3, 11:32 AM
Der Artikel gibt einen guten Eindruck davon wider und lässt uns mal von einem anderen Blickwinkel sehen ...
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Volker Oppmann
May 3, 2:13 PM
Danke schön :)