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elifkav

Wer wird wo gehört? Privilegien und Räume.

Seit Tagen schwirrt mir ein Videoausschnitt im Kopf herum – das Konzert von Solange Knowles in der Hamburger Elbphilharmonie, ein Auftritt von Schwarzen Frauen für Schwarze Frauen – und in der ersten Reihe sitzen weiße Menschen, im Videoausschnitt singt Solange einen weißen Mann direkt an, singt über ihr Schwarzsein. Die Sängerin nimmt diesen Space für sich ein, ganz bewusst tritt sie an Orten auf, die für „Kultur“ stehen. Für weiße, gutbürgerliche Kultur, in der insbesondere Schwarze Frauen eigentlich keinen Platz haben. Sie nimmt sich diesen Platz. Aber warum nimmt dieser weiße Mann im Publikum sich seinen? Warum sitzt er in der ersten Reihe, komplett ahnungslos oder ignorant, unberührt von der Intention des Abends? Sich die eigenen Privilegien bewusst zu machen bedeutet nicht nur, sie zu verstehen. Vor allen Dingen bedeutet es handeln. In diesem Fall: Das Mindeste wäre, nicht in der ersten Reihe zu sitzen, das Optimale, jemandem seinen Platz oder sein Ticket zu überlassen, der*die nicht das Privileg hat, dabei zu sein, für den*die dieser Abend aber sehr viel Empowerment bedeutet hätte. Diese Art von „Kultur“, zu der ich auch den Literaturbetrieb zähle, ist exkludierend. Entweder werden Themen, die Marginalisierungen betreffen, gar nicht aufgegriffen oder aber sie werden von denen vermittelt, die diese Marginalisierungen gar nicht erleben müssen. Selten kommt es vor, dass Betroffene selbst über ihr Erlebtes sprechen dürfen, noch seltener, dass sie es ungeschönt tun können, ohne gleichzeitig dafür Sorge zu tragen, dass sich das Publikum unwohl und angegriffen fühlen könnte.

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Quelle: https://unsplash.com/photos/JJB_K8aCPU4

Und dazu gehört Mut. Mut, sich verletzbar zu machen. Seit ungefähr acht Jahren bin ich aktiv in der deutschen (Online-)Buchlandschaft. Habe gebloggt, von Jugendbüchern hin zu Gesellschaftspolitischem, habe viele Menschen kennengelernt, Messen besucht, schlussendlich auch mit Victoria eine Plattform für Sensitivity Reading ins Leben gerufen, um Inhalte, die problematisch sind, einzudämmen. Ich glaube, dass ich bei einigen anregen konnte, über gewisse Dinge nochmal nachzudenken. Ich glaube, dass das, was ich mache, wichtig ist. Trotzdem muss ich mich regelmäßig zurückziehen, weil es mich ermüdet, zu sehen, dass wir zwar zwei Schritte vorwärts machen, dann aber auch immer wieder einen zurück. Es ermüdet auch, in dieser Rolle zu sein, die Rolle der Frau mit nicht-deutscher Herkunft, die immerzu auf problematische Inhalte hinweist. Ich stelle mir vor, wie viele mit den Augen rollen, wenn ich wieder etwas auszusetzen habe und mich unbeliebt mache. Ich bin privilegiert, weil ich solche Themen teilen kann und mir zugehört wird. Das eigentliche Privileg ist jedoch das, gar nicht erst darüber reden oder zuhören zu müssen, weil es einem nicht auffällt oder einen nicht betrifft. Gerade da ist es notwendig, das Privileg zu reflektieren und tätig zu werden – sich an verschiedenen Orten dafür stark zu machen, Spaces für marginalisierte Personen freizuräumen, zum Beispiel. Dazu gehört nicht, sich von Betroffenen die Informationen zu Diskriminierungen anzueignen, um die Informationen dann selbst zu verbreiten.

In Bezug auf Literatur denke ich da insbesondere an Geschichten über Minderheiten. Häufiger habe ich gehört, dass Verlage z. B. nur eine schwule Liebesgeschichte im Programm haben wollen (wenn überhaupt), weil es als Nische verstanden wird. Im Mainstream-Programm sind allerdings der Großteil der schwulen Liebesgeschichten solche, die von heterosexuellen cis Frauen geschrieben wurden. Das Bewusstsein für die Lücke und die Benachteiligung ist vorhanden – führt aber nicht zu der Konsequenz, dass es vielleicht fairer wäre, diesen Space denjenigen zu überlassen, die (ob als Roman oder in Form eines Sachbuchs) über ihre eigenen Erfahrungen schreiben und ebenfalls veröffentlicht werden wollen.

Einerseits finde ich es gut, dass Diversität Eingang in die Mainstream-Lesekultur findet und dass auch namhafte Autor*innen sich bemühen, Vielfältigkeit einzubauen. Andererseits schwingt ein Beigeschmack mit, wenn daran verdient wird, dass es Minderheiten gibt, diese aber selbst nicht zu Wort kommen. Es gleicht dem In-der-ersten-Reihe-sitzen-Wollen des Mannes auf dem Konzert von Solange Knowles.

Liebe Lesebegeisterte, mein Artikel soll lediglich als Anstoß dienen, darüber nachzudenken, welche Bedeutung Räume und Privilegien haben. Diese Fragen habe ich selbst für mich noch nicht vollständig beantwortet – ganz offensichtlich, da ich gerade genauso einen Raum einnehme, den ich hätte weitergeben können. Ich ende, um Möglichkeit zur Reflexion zu geben, mit ein paar Fragen, die ich mir selbst immer wieder stelle, auch jetzt.

  • Wen lese ich? (Sind es mehr Frauen oder Männer? Wie viele BiPoC sind dabei? Wie viele davon sind queer? Lese ich behinderte Autor*innen? usw.)
  • Fällt es mir auf, wenn Autor*innen nicht authentisch schreiben?
  • Sind Geschichten weniger interessant für mich, wenn die Figuren nicht der „Norm“ entsprechen?
  • Wenn ich Rezensionen zu Büchern lese, in denen eine Minderheit vorkommt, suche ich dann auch gezielt nach Rezensionen von Menschen, die dieser Minderheit angehören?
  • Eigne ich mir aktiv Wissen über Diskriminierungsformen an? Wenn ja, von wem?
  • Nutze ich mein Wissen über Diskriminierung, um mich über diejenigen zu erheben, die dieses Wissen noch nicht haben? Erschaffe ich mit diesem Wissen neue Inhalte? Verweise ich auf die Personen, von denen das Wissen stammt?

Selbstverständlich besteht kein Zwang, sich mit diesen Aspekten, den eigenen Privilegien und Räumen auseinanderzusetzen – wer sich aber für eine chancengerechtere Gesellschaft einsetzen will, kann die eigenen Privilegien nutzen, ohne sie auszunutzen.

“When we identify where our privilege intersects with somebody else's oppression, we'll find our opportunities to make real change.” (Aus „So You Want to Talk About Race“ von Ijeoma Oluo).

Wir suchen uns nicht aus, mit welchen Privilegien wir geboren werden, genauso wenig, wie sich andere aussuchen, nicht mit ihnen geboren zu werden. Was wir letztendlich damit machen oder wie wir damit umgehen, liegt allerdings bei uns, in jedem Bereich unseres Lebens. In Konzertsälen. Und auch im Lesen.

  • Privilegien
  • Räume
  • Diversität
  • Minderheit
  • Marginalisierung