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TiniDo

Wildes Lesen – wie mich Gustav Schwab und Karl May als Leserin zur Welt brachten

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So sieht's aus, das wilde Lesen

Seit dem Anfang meiner Karriere als Vielleserin macht für mich die Trennung der Bücherwelt in fiktionale und nicht-fiktionale Bücher, die Unterscheidung von Sach- und erzählender Literatur keinen Sinn. Mir fiel es immer schwer, den Unterschied ernst zu nehmen. Und so wirklich hat sich das bis heute nicht geändert. Als ich mit sieben oder acht so weit war, endlich all das ohne Hilfe von anderen lesen zu können, was ich wollte, verschlang ich alles mit Buchstaben, was mir in die Finger geriet. Was ich suchte, war Welt, am besten ganz, ganz viel davon auf einmal. Ich las mich sehr schnell durch den Bücherschrank meiner Eltern und meiner Großeltern. Anfangs versuchten die Erwachsenen noch, mich auf sogenannte altersgerechte Lektüre zu beschränken, erkennbar an der Altersangabe im Buch oder vom Buchhandel, und – etwas weniger bewusst – auf Bücher für Mädchen (Get lost, Hanni und Nanni!). Wohl aus dem diffusen Gefühl heraus, ‚falsche’ Lektüre würde mir irgendwie schaden. Aber wirklich überzeugt von ihrer Aufgabe in Sachen ‚pädagogisch wertvoller’ Lektüre waren meine Eltern wohl sowieso nicht. Zumindest hatte ich spätestens mit zehn Jahren freie Hand – und bald auch eine Leihkarte für die Dorfbücherei, zwei Jahre später auch für die mir damals riesig erscheinende Stadtbibliothek in Gießen. The Keys to the Kingdom. Von da an las ich alles, was ich wollte. Niemand stellte sich mir in den Weg. Auch keine Vorstellungen von wertvoller, wichtiger oder richtiger Lektüre. Als Arbeiter- und Bauern-Kind war ich verschont vom Wissen um die Un-Angemessenheit meiner wilden Lektüren.

Ziemlich bald stieß ich auf Gustav Schwabs „Sagen des klassischen griechischen Altertums“. Die Ausgabe, die sich in den sonst von christlicher Erbauungs- und landwirtschaftlicher Fachliteratur dominierten kleinen Bücherschrank meiner Großeltern verirrt hatte, war ein sehr schönes, in hellgraues Leinen gebundenes Buch, mit Illustrationen von John Flaxman. Ich wusste schon irgendwie, dass das alles nicht richtig wahr war – aber ich wusste auch, dass es die Städte und Gegenden gab oder gegeben hatte, durch die meine Helden zogen und sich gegenseitig sowie einer beeindruckenden Reihe an Ungeheuern die Köpfe einschlugen, angestachelt von ethisch extrem angreifbaren Göttern und Göttinnen. Herr Jung, der die Dorfbücherei leitete, gab mir „Was ist Was“-Bände zur Antike und empfahl mir Cerams „Götter, Gräber und Gelehrte“ sowie eine Schliemann-Biographie. Auf der Suche nach noch mehr Informationen, noch mehr Geschichte, noch mehr Welt entdeckte ich Enzyklopädien und Lexika. Und ich stieß auf dem Schreibtisch meines Vaters auf den Kleinen Ploetz. Ich weiß noch genau, wie das Buch aussah: dieses typische 70er-Jahre-Orangegelb, ein foliertes Taschenbuch. Vorne drauf war ein schwarzweißes Foto, ausgerechnet ein Ausschnitt des Amazonenfrieses – eine Darstellung einer Episode des Trojanischen Krieges. Ich las den Kleinen Ploetz mehrfach komplett durch. So lange, bis das Buch auseinanderfiel. Ich klebte es mit Tesa und Uhu immer wieder zusammen – bis es irgendwann nicht mehr zu retten war.

Die Vergangenheit war ein fremdes, abenteuerliches Land, über das man in Büchern die spannendsten und abstrusesten Sachen erfuhr. Fakten, unnützes Detailwissen, Anekdoten, neue Begriffe und Wörter, am besten aus fremden Sprachen. Wenn dazu eine gut erzählte Geschichte kam, schön, musste aber auch nicht sein: Ich liebe noch heute Lexika, Handbücher, Natur- und Reiseführer, Chroniken. Reiseberichte, Tagebücher, Notizhefte, in denen die Dinge, Phänomene, Klänge, Tiere, Pflanzen, äußerliche und innere Zustände, Farben, Geschmäcker, Strukturen, in denen die Welt selbst zur Sprache kommt – in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit, wie man als Aufklärungsschriftstellerin wohl gesagt hätte.

Im Gymnasium entdeckte ich dann die großen realistischen Erzähler des 19. Jahrhunderts, vor allem Dickens und die Dumas, etwas später Zola und Fontane – und ihre Welt voller Gerätschaften und Verhaltensweisen, die einem heute ausgedacht erscheinen. (Erzählerinnen, Schriftstellerinnen, die für mich interessant waren, kamen in meinem Deutschunterricht und in meiner privaten Lektüre kaum vor – und das lag nicht nur daran, dass so wenige Frauen für den Unterricht kanonisiert sind. Es lag auch an der Auswahl. Die paar Frauen, die wir lasen oder die mir in der Bibliothek empfohlen wurden, schrieben über Familie, Pubertät, Verliebtsein, psychologisch-pädagogisch verständnisvollen Kram – so etwas interessiert mich heute immer noch nicht. Autorinnen standen deswegen bei mir unter Langweile-Verdacht. Außer Enid Blyton, Agatha Christie, Dorothy L. Sayers, Barbara Tuchmann und Simone de Beauvoir las ich bis ins Studium hinein kaum Frauen. Das änderte sich erst mit „Madwoman in the Attic“ und „Over Her Dead Body. Death, Femininity and the Aesthetic“. Aber es ist tatsächlich immer noch ein Phänomen: Außer bei Biographien sind Autorinnen im wissenschaftlich anspruchsvollen Segment des Sachbuchmarktes deutlich unterrepräsentiert. Und das selbst im angelsächsischen Sprachraum, wo sowohl das Genre selbst in höherem Ansehen steht, als auch mehr Autorinnen vertreten sind. Schreiben Frauen wirklich mehrheitlich über ihr Befinden und Männer über die Welt oder suggeriert einem das die Programmplanung der Verlage?

Der große Autor meiner Kindheit – so ungefähr bis zur 11. Klasse – war aber: Karl May. Meine Großeltern hatten ein paar Mays im Bücherschrank, dazu kamen die Verfilmungen mit Pierre Brice (Mega-Crush, also ich als Old Shatterhand). So begann ich das Zeug wie besessen zu lesen: Mein erster Band war, reiner Zufall, „Durchs wilde Kurdistan“. In meinen beiden Stammbüchereien hatten sie ziemlich alles von May, da konnte ich dann die Bücher in der richtigen Reihenfolge lesen. Karl May war genau der richtige Autor für mich, weil er wohl so eine Leserin wie ich gewesen war: eine (auf den ersten Blick kriterienlos wirkende) Alles-Verschlingerin von Welt, in der die Grenzen zwischen Realität und Phantasie so prekär sind, wie es eben auch der Wirklichkeit entspricht. May erschrieb sich eine Welt und ein Leben, das er gerne gehabt hätte und das er aus anderen Büchern kannte; vor allem aus Reiseliteratur und aus Enzyklopädien. Im winzigen Detail akribisch recherchiert– Wie lang braucht man auf einem Pferd durch den Llano Estacado, wenn man sich das Wasser in diesen Mengen rationieren muss? Welche Muster zieren die Häuser in Hilleh? –, alles zusammen eine einzige Räuberpistole. (May hatte die Bücher anfangs als Reiseliteratur kategorisiert, aber tatsächlich ist alles Fiktion. Trotzdem hat er auf der Wahrheit seiner Erlebnisse im Wilden Westen und im Vorderen Orient bestanden.)

Die Bücher strotzen vor Klischees: edle Wilde in den Weiten der Prärie, koloniale Blicke, naiver Orientalismus. Aber gleichzeitig haben sie auch einen klaren und anteilnehmenden Blick auf die Opfer des imperialen Kapitalismus. Vielleicht, weil der Zuchthäusler und Hochstapler Karl May selbst eines war. Die Klarheit des ethischen Urteils bildet in den Romanen einen starken Kontrast zu der Unübersichtlichkeit der Welt, durch die die Protagonisten ziehen. Und auf die kam es mir vor allem an. Buchstäblich hinter jedem Felsen und jeder Wegbiegung liegt das Neue, Unbekannte, das der Text jeweils mit ausführlichen Beschreibungen in die bekannte Welt integriert. Und dann geht es gleich wieder weiter. Weiter im Text. Kritiker warfen und werfen May sein Verfahren vor, die Handlung anzuhalten, um sein Wissen auszubreiten (manchmal plagiiert er tatsächlich Lexikonartikel, die er sprachlich etwas anpasst). Aber für mich ist das eigentlich immer noch die ideale Form der Literatur: So viel Welt reinpacken wie irgend geht. Und dann noch ein bisschen mehr. So ein Text ist ein Netz zum Welt-Einfangen. Der hält das aus.

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Volker Oppmann
Jul 31, 1:36 PM
Das liest sich bis auf wenige Abweichungen wie meine eigene Lese-Sozialisation, nur dass Karl May bei mir nicht durch die örtlichen Bibliothek in Haus...
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rolandkupski
Jul 31, 2:35 PM
Bei mir noch dazu: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Paul_Frischauer, Weltgeschichte in Romanen. History tells Stories.....und die Bildbände von Roland ...
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rolandkupski
Jul 31, 2:46 PM
Es ist definitiv bei mir so: keinerlei Rezeptionsscheren oder Leseverbote, keine Altersgrenzen (mit dreizehn Willi Heinrich und das King Ping Meh, wei...
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NiNa (Nina Jaros)
Jul 31, 5:59 PM
Mein erster Karl May war auch grün und war ein Weihnachtsgeschenk von der örtlichen Kirche (für die braven Ministranten.... Wenn die wüssten, was aus ...