avatar
FrauFrohmann

#dichterdran – ein feministisches Meme als performative Aufklärung

In den letzten Tagen hat auf Twitter, losgeschickt von den Userinnen Nadja Brügger, Güzin Kar und Simone Meier, ein Meme Furore gemacht – #dichterdran, bei dem überwiegend cis-Frauen so über cis-männliche Autoren schreiben, wie es sonst viele cis-männliche Kritiker notorisch über Autorinnen tun: sexistisch, weil unsachlich, mit unnötigen Erwähnungen von Looks und Styles, Habitus und unter Verwendung aller erdenklichen Weiblichkeits-Stereotype.

cf_fv_m_keine Frauenliteratur
Ja, wir beschäftigen uns schon etwas länger mit Sexismus in der Literaturbranche, natürlich lieb, charmant und ironisch

Ich habe als @fraufrohmann und als @pgexplaining mittlerweile etwa zwei Dutzend Tweets zu #dichterdran geschrieben, denn es macht großen Spaß und wirkt befreiend.

*

»Warum kannst du #dichterdran so gut, FrauFrohmann?«

»Weil ich mein ganzes Leben lang geübt habe.«

*

Außerdem macht das Meme mit Lesenden auf Twitter das, was ich in Vorträgen und in meinem Buch +Präraffaelitische Girls erklären das Internet »performative Aufklärung« nenne.

fv_kleine formen_pgi d_138 performative aufklärung


Konkret bedeutet das im Falle von #dichterdran:

  1. Die unter dem Hashtag verfassten Tweets ermöglichen es als Autorin von sexistischer Diskriminierung betroffenen Menschen, sich weniger allein mit ihren unangenehmen Erfahrungen zu fühlen. Leicht paranoid anmutende Selbstzweifel – Bilde ich mir das ein? Es kann doch nicht sein, dass niemandem außer mir auffällt, wie grotesk das ist? – werden mit einem Mal von einer performativen Gemeinschaft aufgefangen, der Flow »spricht« zu einem, sagt Nein, du bist nicht allein, wir erleben das alle, immer wieder, schon immer.
  2. Die Umkehrung der Geschlechterrollen in den Tweets, bei Beibehaltung von Sprache und Inhalt erzeugt einen komischen Verfremdungseffekt, der ziemlich genau die groteske Befremdung der von Kritikern sexistisch vorgeführten Autorinnen mediiert. Während man als Betroffene auf die Originalsituation zwangsläufig mit einer Mischung aus Entsetzen und Frustration reagiert, darf man faktisch unbetroffen, aber emotional angefasst, über die Verkehrte-Welt-Simulation lachen. Wie kann man nur so einen Unsinn schreiben? Hahaha. (Man kann.)
  3. Real unbetroffene Menschen können mithilfe dieser Tweets die groteske Unsinnigkeit solcher diskriminierenden Stereotype instantan besser nachvollziehen, sukzessive, mit jedem guten Tweet, wird es ihnen ein bisschen mehr plausibel. (»Gut« ist hier relativ, man fühlt sich vom einzelnen Tweet eher angesprochen, wenn man mit dem genannten Autornamen bereits etwas verbindet, dann erst greifen feinere Bewertungsmaßstäbe hinsichtlich der ästhetischen Qualität.) Das ist eine erstaunliche Wirkung, denn dass es so haarsträubend zugeht, weiß man im Literaturbetrieb seit Jahren, nein, seit Jahrzehnten. Aber nur Betroffene hatten es bislang wirklich begriffen, alle anderen glaubten nur, es begriffen zu haben, wenn sie wieder und wieder betonten, dass sie es zur Kenntnis genommen hätten, es wüssten, es ändern wollten, darauf achten würden. Jetzt begreifen sie es WIRKLICH, weil sie es am eigenen Leib zu fühlen bekommen haben. Angstfrei. Unerwartet. Einfach so. Dank dieses Memes. Danke, Meme, danke, Meme-Initiatorinnen.
  4. Sogar cis-männliche Kritiker werden es nun endlich begriffen haben. Es überrascht allerdings nicht, dass sie sich nicht lautstark an den enthusiastischen Lobreden für das Meme beteiligen. Es muss ihnen aktuell alles schrecklich peinlich sein. Immerhin stehen sie mit ihrer krassen, unreflektierten Misogynie in der Tradition von Marcel Reich-Ranicki, der 1977 bei den TDDL in Klagenfurt die Autorin Karin Struck mit der Frage »Wen interessiert schon, was die Frau denkt, was sie fühlt, während sie menstruiert?« zum Weinen und Verlassen der Veranstaltung brachte. (Auf die Unterstützung von Feministinnen musste Struck damals leider auch vergeblich warten.) Ich bin mir aber ganz sicher, dass #dichterdran etwas mit diesen harten Kritiker-Nüssen gemacht hat. Sie werden sich fortan sehr gut überlegen, wie sie Autorinnen beschreiben. Klar, es wird kurzfristig auch noch die üblichen patzigen Male-tears-Defensiv-Clickbait-Artikelchen geben, in denen – gähn – gebetmühlt wird: Freiheit der Kunst ... Autorinnen müssen das gleiche Maß an Kritik aushalten ... was wollen die Feministinnen denn noch ... man darf ja gar nichts mehr sagen ... dann gehe ich halt zur AfD – egal! Die faulen Nüsse sollen uns nicht kümmern, solange die harten Nüsse angeknackst sind. Ein bisschen Zuspruch für euch, liebe Kritiker, es tut auch gar nicht lange weh, dazuzulernen, ich habe es selbst hinter mir und immer wieder vor mir.

Da wir bekanntlich alle so klug und im Sinne der Aufklärung unterwegs sind, haben wir sicherlich längst gemerkt, dass sich das bei #dichterdran Gelernte auch super auf andere Bereiche übertragen lässt. Vielleicht kann man ja einfach alles leere Gelaber à la Wir stellen uns heute für die Zukunft auf ... Wir halten die Augen zukünftig noch offener ... Ab 2035 retten wir die Welt einfach kappen, weil es genauso grotesk und peinlich ist wie frauenfeindliche Literaturkritik – und jetzt sofort machen, was immer schon richtig gewesen wäre: Menschenrechte absolut setzen, reale Vielfalt kulturell und ökonomisch repräsentieren, Umwelt achtsam behandeln. Oder braucht ihr echt erst für alles ein Meme, um vernünftig handeln zu können?

PS: Das in Artikeln zu #dichterdran zu findende Lob, wie amüsant das Hashtag sei – bis hierhin volle Zustimmung – im Gegensatz zu den »verbissenen« Debatten auf Twitter, oh oh, es ist selbst wieder strukturell sexistisch. Man schluckt die Kröte also nur, weil Autorinnen, wie es ihre Art zu sein hat, charmant und witzig verpackt auf ihre Grundrechte pochen.

Sorry, dass ich als Spaßbremse ende, aber ich habe gerade kein Meme zur Hand, weil ich mir die Fingernägel abgebrochen habe beim Versuch, den riesigen Felsen den Berg hochzurollen.

PPS: Cis-Menners, die in Replys zu #dichterdran-Meme-Tweets mansplainen, dass dies und das sachlich nicht korrekt wäre – Bilde ich mir das ein? Es kann doch nicht sein, dass ihnen nicht auffällt, wie grotesk das ist? Haha, es gibt wirklich nichts, was es nicht gibt.

Schluss mit unlustig, lest alle Tweets zu #dichterdran, sie sind zum Schreien, so oder so. Ich habe mich ein bisschen neu ins Netz verliebt, weil es mir ein Meme geschenkt hat, das mir selbst nicht eingefallen wäre und das mir Freiraum gebracht hat in einem Bereich, der mir regelmäßig die Luft abschnürt.

XOXO,

FrauFrohmann

  • Dichterdran
  • Performative Aufklärung
  • Sexismus
  • Empowerment
  • Hashtag
  • Nadja Brügger
  • Simone Meier
  • Güzin Kar
avatar
Anne-Marit Strandborg
Aug 7, 7:05 PM
Musste ich meinen Account doch wieder aktivieren 😀
avatar
beritglanz
Aug 7, 8:33 PM
Schlau, pointiert und berührend – ein echter Frohmann Text.
avatar
FrauFrohmann
Aug 8, 10:30 AM
Dankeschön, beritglanz.