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Magda B.

#frauenlesen und Dinosaurier-Erotik: Eine Liebeserklärung an die Literatur-Twitter-Bubble

Neulich wurde ich auf Twitter mit dem Teufel verglichen. „Manchmal denk ich drüber nach wie verhängnisvoll es in Sachen Bücher ist, dir zu folgen und naja, heute ganz besonders“, schrieb jemand anderes. Ich habe mir in Sachen Buchempfehlungen inzwischen einen gewissen Ruf erarbeitet, was im Grunde nicht weiter verwunderlich ist, da ich in meiner Freizeit auf Twitter ja eigentlich nur fortsetze, was ich im Rahmen meiner Lohnarbeit tagsüber eh ständig tue. Schließlich bin ich Buchhändlerin, ich mache den ganzen Arbeitstag lang nichts anderes als über Bücher zu reden! Dass ich diesen Drang nach Feierabend nicht abstellen kann, sondern stattdessen auch abends und am Wochenende Stunden damit verbringe, Bücher und Leser*innen zusammenzubringen, ist natürlich einerseits ein verbreitetes, deshalb aber nicht weniger bedenkliches Symptom unserer kapitalistischen Arbeitsgesellschaft. Andererseits eröffnet mir die Interaktion innerhalb meiner Literaturbubble auf Twitter ungeahnte Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit Literatur, wie sie mir weder in meinem Arbeitsalltag noch in meinem Privatleben wirklich begegnen.

Man sollte meinen, dass es für jemanden wie mich, die die Bücher jeden Abend kiloweise nach Hause schleppt und in jeder freien Minute (zumindest jeder, die sie nicht auf Twitter verbringt) mit der Erstellung und Abarbeitung von Leselisten beschäftigt ist, keinen passenderen Arbeitsplatz gibt als eine Buchhandlung. Da ist natürlich etwas dran. Ich liebe meinen Job und könnte mir zumindest in meiner jetzigen Lebensphase keinen besseren vorstellen. Ich habe tolle, engagierte, belesene Kolleg*innen, werde täglich nach meiner Meinung zu den verschiedensten Büchern gefragt, und dann bekomme ich auf meine privaten Einkäufe auch noch einen großzügigen Mitarbeiter*innenrabatt. Und trotzdem ist die Arbeit als Buchhändlerin insgesamt weitaus weniger glamourös, als man es sich vielleicht vorstellen mag. Den Großteil der Arbeitszeit bin ich mit dem Geraderücken von Bücherstapeln und der Wiederherstellung der alphabetischen Sortierung unserer Regale beschäftigt, und wenn ich von der Handvoll Stammkund*innen, mit denen ich mich regelmäßig und ausführlich über Gelesenes unterhalte, einmal absehe, sind die Beratungsgespräche, die ich mit Kund*innen führe, leider, schon weil sie so kurz sind, weit weg von den Dialogen über Literatur, wie ich sie liebe.

Ich möchte keinen falschen Eindruck erwecken: ich genieße meine Rolle als Expertin für und Vermittlerin von Literatur und liebe die Herausforderung, im Auftrag meiner Kundschaft das perfekte Buch zu einem bestimmten Thema ausfindig zu machen. Ich befinde mich quasi den ganzen Tag auf einer Art literarischer Schnitzeljagd durch den riesigen deutschen Buchmarkt, bei der mein Gehirn als riesige Datenbank an Büchern und Autor*innen fungiert, die ich immer sofort abrufbereit haben muss. Und es wäre gelogen, würde ich behaupten, dass ich den Einfluss nicht genieße, den ich auf das Leseverhalten meiner Kund*innen ausübe. Auch ich gehöre zu den Gatekeeper*innen des Literaturbetriebs, auch ich habe eine gewisse Macht darüber, was gekauft wird, welche Autor*innen Aufmerksamkeit bekommen, welche Geschichten ihren Weg zu den Leser*innen finden, welche Stimmen gehört werden. Ich bemühe mich redlich, mit diesem Privileg verantwortungsvoll umzugehen, denn ich möchte meine Arbeit als Buchhändlerin wo immer es geht auch mit gesellschaftspolitischem Engagement verknüpfen. Deshalb empfehle ich beispielsweise bevorzugt Bücher von Frauen, von People of Colour, von queeren Menschen und anderweitig marginalisierten Autor*innen.

Aber bei allem Idealismus darf ich eines nicht vergessen: in erster Linie bin ich immer noch Verkäuferin. So sehr ich mich auch bemühe, den literarischen Horizont meiner Kundschaft zu erweitern und Aufmerksamkeit für Übersehenes und Ignoriertes zu erzeugen–das Ziel bei jedem Beratungsgespräch, das ich führe, ist es letztendlich, dass der*die Kund*in hinterher mit mindestens einem neuen Buch in der Tasche den Laden verlässt. Der Inhalt des Buches ist dabei für unsere Bilanz relativ egal. Ein durchschnittliches Beratungsgespräch gleicht deshalb, wenn ich ganz ehrlich bin, doch eher einer Aneinanderreihung verschiedener Salespitches als einem begeisterten Austausch über Bücher auf Augenhöhe. Natürlich empfehle ich fast allen Kund*innen als erstes diejenigen Bücher, die ich selbst gerade mit Begeisterung gelesen habe und denen ich eine breite Aufmerksamkeit wünsche. Aber wenn ich merke, dass der*die Kundin aus welchen Gründen auch immer darauf nicht anspringt, muss ich irgendwann unweigerlich auf Bücher und Autor*innen ausweichen, mit denen ich privat eher wenig anfangen kann. Das heißt nicht, dass ich den Kund*innen jemals wider besseres Wissen aktiv Bücher empfehlen würde, die ich persönlich wirklich schlecht oder aus politischen oder sonstigen Gründen bedenklich finde. Es heißt aber, dass ich im Zweifelsfall mit meinen eigenen persönlichen Vorlieben und Überzeugungen nicht weiterkomme, sondern mich voll auf den*die Kund*in und seine*ihre Interessen einlassen muss. Das ist auch völlig legitim, führt aber dazu, dass viele der Bücher, die mich privat am meisten bewegen und beschäftigen, für meine Arbeit schlicht nicht relevant sind. Möchte ich mich dennoch mit anderen über diese Texte austauschen, muss ich mir dafür ein anderes Publikum suchen. Zu meinem großen Glück habe ich vor einiger Zeit die oder besser gesagt eine Literatur-Twitterbubble für mich entdeckt.

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Es begann alles, wie so oft, mit einem einzelnen Tweet. Am Weltfrauentag 2016 schrieb die österreichische Journalistin Magdalena Miedl, sie habe Anfang des Jahres beschlossen, nur Bücher von Frauen zu lesen, und schlug vor, einen „Autorinnenempfehlungshashtag“ einzuführen. Innerhalb von 20 Minuten war #frauenlesen geboren – und meine Lese- und Twittergewohnheiten auf einen Schlag grundlegend verändert. Zu dem Zeitpunkt war ich noch eine rein „private“ Leserin, die Möglichkeit eines Quereinstiegs in die Buchbranche keimte noch nicht einmal als Idee in meinem Kopf, und in meinem sozialen Umfeld gab es eigentlich nur zwei Personen, mit denen ich mich regelmäßig über Bücher austauschen konnte. Twitter hatte ich bisher fast nur als stumme Mitleserin genutzt. Aber plötzlich gab es da nun diesen Hashtag #frauenlesen, und dank dem entdeckte ich von einem Tag auf den andern eine kleine, aber stetig wachsende Gemeinschaft von Twitternutzer*innen, die genau diejenigen meiner Leidenschaften teilten, für die ich in meinem Offline-Leben meistens eher Unverständnis erntete. Plötzlich hatte ich ein Outlet für all die Empfehlungen großartiger, vernachlässigter, obskurer Bücher von Schriftstellerinnen, die ich so gerne in die Welt hinausposaunen wollte, die aber bislang absolut niemanden in meinem Umfeld interessiert hatten. Diese Gelegenheit packte ich vor drei Jahren begeistert beim Schopfe und habe sie seitdem nicht mehr losgelassen.

Seit ich mich auf Twitter über meine Lektüren austausche, lese ich anders, kritischer, breiter, stelle mehr Verbindungen zwischen einzelnen Texten und Autor*innen und Strömungen her. Seit ich auf Twitter mit anderen Literaturinteressierten interagiere, wächst mein Lesestapel in ungeahnte Höhen, weil ich durch sie auf Bücher aufmerksam werde, von denen ich sonst nie im Leben erfahren hätte. Ich selbst poste regelmäßig ausführliche Empfehlungsthreads, in denen ich mich bemühe, die faszinierende Bandbreite an lesenswerter Literatur jenseits des weißen männlichen heterosexuellen Mainstreams abzubilden. Und merke anhand der Reaktionen immer wieder: der Bedarf und das Interesse an diesen Büchern ist da, es tut sich etwas, langsam und in kleinen Schritten zwar, aber immer öfter gelingt es uns gemeinsam, die alten, festgefahrenen Muster dieser sexistischen, rassistischen, heteronormativen Branche zumindest ein klitzekleines bisschen weiter aufzubrechen. Ich merke, da draußen gibt es nicht wenige Menschen, die so denken wie ich, die sich wünschen, der Literaturbetrieb sähe anders aus, die wo immer es ihnen möglich ist ihren Teil zu dieser Veränderung beitragen. Ich bekomme spannende Einblicke in die Arbeit, Forschung oder auch einfach nur die private Lektüre von Autor*innen, Verleger*innen, Journalist*innen, Literaturwissenschaftler*innen, Historiker*innen, Kritiker*innen und stinknormalen privaten Leser*innen, die die Schnauze ebenso voll haben wie ich, und die sich on- wie offline zusammenfinden, um in Sachen Literatur gemeinsam neue Wege zu gehen.

Plötzlich kenne ich einen Haufen von interessanten, engagierten, literaturverliebten Menschen, bei denen ich weiß: zu jedem noch so obskuren Buch oder abstrusen Thema, das mich gerade beschäftigt, werde ich irgendjemanden in meiner Twitter-Bubble finden, der*die sich dafür ebenso begeistern kann wie ich–selbst wenn es sich dabei um erotische Fanfiction über Dinosaurier handelt. Ich weiß, egal worum es geht, irgendwer hat sich mit genau diesem Thema auch schon auseinandergesetzt und hat einen passenden Buchtipp dazu parat. Ich finde es wunderschön, zu beobachten, wie einzelne Bücher und Autor*innen, die oftmals im Feuilleton, in Buchhandlungen und beim durchschnittlichen Lesepublikum noch kein nennenswertes Echo gefunden haben, langsam immer größere Kreise durch meine Twitter-Bubble ziehen. Oft reicht ein einzelner Tweet, in dem eine*r von uns das neueste Fundstück aus einem offenen Bücherschrank oder dem Antiquariat präsentiert, und prompt sortieren wir reihenweise unsere mentalen Leselisten neu. Wir bilden gemeinsam einen neuen, einen hoffentlich vielfältigeren und faireren Kanon. Wir bemühen uns, marginalisierten Stimmen zuzuhören und sie zu verstärken.

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Ich kenne Menschen aus dem Internet, mit deren Geschmack und Interessen fühle ich mich inzwischen so vertraut, dass ich bei der Lektüre einzelner Bücher sofort an sie denken muss. Manchmal schrecke ich nachts aus dem Schlaf hoch, weil mir plötzlich einfällt, dass ich Person X unbedingt noch ein bestimmtes Buch ans Herz legen wollte. Immer, wenn ich auf eine spannende Neuerscheinung stoße, fallen mir jetzt mindestens zwei Twitter-User*innen ein, für die das Buch ebenfalls interessant sein könnte. Wenn ich mal wieder über den tausendsten sexistischen Feuilletonartikel stolpere, weiß ich mittlerweile, dass ich mich nicht allein darüber ärgern muss, weil ich mir sicher sein kann, dass mindestens drei der vielen schlauen Menschen in meiner Timeline ihn längst auf kompetente, fundierte und unglaublich witzige Art zerlegt haben, und das ist ein verdammt beruhigendes Gefühl.

Ich werde dieses Jahr dreißig, ich habe im Laufe der letzten 15 Jahre etliche Online-Communities und soziale Netzwerke miterlebt, exzessiv genutzt und irgendwann wieder sterben sehen. In keinem sozialen Medium habe ich mich dabei so heimisch und geborgen gefühlt wie in meiner „Literaturbubble“ auf Twitter, keine hat mein Leben bisher so bereichert wie sie. Und trotzdem darf ich dabei nicht vergessen: es ist längst nicht alles Gold, was glänzt. Ich muss tagtäglich beobachten, wie vor allem Frauen, People of Colour, Menschen aus der LGBTQI+ Community und anderweitig marginalisierte Stimmen mit so viel Hass, Anfeindungen, Beleidigungen bis hin zu Gewaltandrohung vor allem aus der rechten Ecke konfrontiert werden, dass eine normale Nutzung der sozialen Medien für sie kaum mehr möglich ist–und das Unternehmen Twitter sieht tatenlos dabei zu. Mitunter fühlt sich meine Bubble an wie eine winzige Insel des Glücks und der gegenseitigen Wertschätzung und Unterstützung inmitten eines großen Meeres aus rassistischer, misogyner, reaktionärer Scheiße. Daher muss ich mir immer wieder bewusst machen, dass Twitter für mich letztendlich auch nur Mittel zum Zweck sein kann. Ich habe hier eher zufällig zahlreiche tolle literaturbegeisterte Menschen kennengelernt, auf die ich anderweitig nie gestoßen wäre und mit denen ich gerne auch außerhalb dieser oft so toxischen Plattform in Kontakt treten will. Zum Glück gibt es Alternativen. Eine davon ist Mojoreads, wo sich nach und nach immer mehr Mitglieder meiner Twitterbubble einfinden, so dass ich die für mich so bereichernden Gespräche über Literatur nun auch in einer Umgebung führen kann, die frei von Nazitrollen und logikverliebten Mansplainern ist.

Und die allerbeste Alternative zu Twitter findet für mich eh inzwischen jenseits des Internets statt, denn immer mehr meiner Online-Bekanntschaften schwappten in letzter Zeit in mein Offline-Leben hinüber: Ich war dieses Jahr auf der Buchpremiere einer Twitterfreundin, zu der so viele Leute aus meiner Timeline aus ganz Deutschland anreisten, dass sich der Abend anfühlte wie ein großes Klassentreffen, nur schöner. Ich durfte diesen Sommer eine ganze Woche in der Privatbibliothek von zwei Wiener Twitterfreund*innen übernachten, wurde von einer dritten bekocht, war mit einer vierten auf einem Konzert, und habe mit einem fünften die besten Antiquariate der Stadt geplündert. Zahlreiche Twitterkontakte haben den Besuch meiner Buchhandlung inzwischen als festen Bestandteil ihres Berlinaufenthalts eingeplant und es gibt wenig schöneres, als wenn im Laden plötzlich jemand vor mir steht, der*die mir vage bekannt vorkommt, und mich fragt: „Entschuldigung, bist du zufällig @Magdarine?“

Ohne Literatur-Twitter wäre vielleicht mein Konto voller und meine zum Bersten vollgestopften Bücherregale etwas leerer, und vielleicht würde ich dann den ein oder anderen Arbeitstag wesentlich ausgeschlafener beginnen, aber ich würde dann auch weniger nächtliche Diskussionen über kontroverse Lebensmittel, Putzmethoden und erotische Fanfiction führen, mein literarischer Horizont wäre wesentlich beschränkter und ich um etliche Erfahrungen, Begegnungen und, ja, Freundschaften ärmer, die ich um keinen Preis mehr missen möchte. Und ohne Twitter wäre ich neulich abends nicht in einen viel zu langen Thread über ein Buch verwickelt worden, in dem jemand einen steinernen Satyr durch Fellatio zum Leben erweckt, und wie langweilig wäre mein Leben dann bitte? Deshalb: ein Hoch auf die Literatur-Bubble!

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Magda B.
Oct 6, 11:13 AM
Herzlich willkommen hier, Maike <3
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Anne-Marit Strandborg
Oct 6, 12:17 PM
Ich hätte so gerne zehn Wows vergeben 😍
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TiniDo
Oct 6, 1:02 PM
💖💖💖
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Ute Weber
Oct 7, 3:22 PM
Ich bin seit 10 Jahren auf Twitter und kann all das unterschreiben, in verschiedenen Bubbles mit Überschneidungen. Finde derzeit die LitBubble am näch...
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Magda B.
Oct 7, 7:21 PM
Oh wow, Ute, ich werd ja ganz rot. Ich bin erst seit 5 Jahren auf Twitter, habe aber erst seit diesem Jahr und seit ich so in der Literaturbubble vers...