!
Mit der Faust in die Welt schlagen
Lukas Rietzschel

Mit der Faust in die Welt schlagen

!
4/5
3 Ratings
!
Want to Read
!
Reading
!
Read
!
INFO
!
MOJOS
!
REVIEWS
SUMMARY
Zwei Brüder, ein Dorf in Ostsachsen und eine Wut, die immer größer wird Philipp und Tobias wachsen in der Provinz Sachsens auf. Im Sommer flirrt hier die Luft über den Betonplatten, im Winter bricht der Frost die Straßen auf. Der Hausbau der Eltern scheint der Aufbruch in ein neues Leben zu sein. Doch hinter den Bäumen liegen vergessen die industriellen Hinterlassenschaften der DDR, schimmert die Oberfläche der Tagebauseen, hinter der Gleichförmigkeit des Alltags schwelt die Angst vor dem Verlust der Heimat. Die Perspektivlosigkeit wird für Philipp und Tobias immer bedrohlicher. Als es zu Aufmärschen in Dresden kommt und auch ihr Heimatort Flüchtlinge aufnehmen soll, eskaliert die Situation. Während sich der eine Bruder in sich selbst zurückzieht, sucht der andere ein Ventil für seine Wut. Und findet es. Lukas Rietzschels Roman ist eine Chronik des Zusammenbruchs. Eine hochaktuelle literarische Auseinandersetzung mit unserem zerrissenen Land.

BOOK DETAILS

EDITION
07 Sep 2018
TYPE
Hardcover
ISBN
9783550050664
LANGUAGE
German
PAGES
316
KEYWORDS
MOJOS
!
Does this book have mojo?
Let others know why they should read it!
REVIEWS
Reviewed by Anka Willamowius and Cathy | Mlle Face...
buchlady
mlle_facettenreich
Anka Willamowius
Wie kommt es eigentlich, dass es im Osten Deutschlands immer mehr Rechtsradikale zu geben scheint? Dass es nach dem 2. Weltkrieg überhaupt noch Leute gibt, die Rechtsradikalismus für erstrebenswert halten? Gibt es eine besondere Situation in den neuen Bundesländern, die ja gar nicht mehr so neu sind, 30 Jahre nach dem Mauerfall? Wieso haben manche – zumeist junge Männer -, anscheinend nichts anderes zu tun, als mal so richtig mit der Faust in die Welt zu schlagen? Mit diesen Fragen befasst sich sehr kompetent der Roman von Lukas Rietzschel. Er beschreibt die Familie Zschornack mit ihren beiden Söhnen, Philipp und Tobias, die in dem kleinen Ort Neschwitz in der Lausitz, in der Nähe von Bautzen aufwachsen. Der Vater ist Elektriker, obwohl er in der DDR etwas ganz anderes gemacht hat, die Mutter Krankenschwester. Die Geschichte beginnt im Jahr 2000, als die Zschornacks ein Eigenheim bauen. Tobi geht noch in den Kindergarten, Philipp geht schon zur Schule. In der Nachbarschaft wohnt ein „Offizier“, der einen aus dem Fenster anstarrt. Es gibt auch „Bonzen“, die einen dicken Dienstwagen fahren. In der Nähe gibt es ein altes Schamottewerk und alte Bergbaugruben, die alle nicht mehr genutzt werden. Eines Tages wird der Schornstein eines alten Werks gesprengt, eine Sensation für die ganze Gegend, in der es sonst nicht mehr viel zu kucken gibt. Manchmal machen die Großeltern mit den Jungen einen Ausflug nach Hoyerswerda. Da gibt es im Einkaufszentrum ein Eis bei McDonalds. Die „Männer“ bleiben sitzen, während Oma durchs Einkaufszentrum bummelt, vorbei an vielen geschlossenen Läden, und mal bei Deichmann oder C&A reingeht. Und dann gibt’s da noch den Balkon, an dem sie im Auto vorbei fahren, der schwarz ist vom Ruß. Die Jungen fragen, was dort passiert sei. Aber Opa fährt schnell weiter und Oma kuckt weg. Die Jungen hätten noch mehr Fragen, z.B. als im Fernsehen zu sehen ist, wie zwei Flugzeuge in zwei Hochhaustürme fliegen. Ist das jetzt Krieg? Aber auch darauf bekommen sie keine Antwort. Die Erwachsenen haben ihre eigenen Probleme. Der eine darf nicht mehr zur Arbeit, weil er immer seine Bierflaschen hinter den Kabeltrommeln versteckt. Einem ist die Frau weggelaufen, in den Westen. Ob es stimmt, dass der bei der Stasi war? Gleichgültigkeit ist verbreitet, Sprachlosigkeit. Kein Wunder, wenn es nicht mal für eine Woche Urlaub an der Ostsee im Jahr reicht. Argwöhnisch schaut man auf die Sorben in der Gegend. Die sind katholisch und sprechen eine andere Sprache. Noch schlimmer sind die Polaken, die nur Drogen-Dreck ins Land bringen. Dann kommen Asylanten. Dafür ist plötzlich Geld da, und für Griechenland. „Vor einiger Zeit hatte Vater einen polnischen Arbeitskollegen gehabt, der Granit aus Polen verkaufte. Kaum ein Abend, an dem Vater nicht über ihn geredet hatte. ‚Wenn du da nicht aufpasst, zieht der dich gnadenlos über den Tisch. Die wissen, wie sie dich ausnehmen.‘ (…) ‚Warum sprechen nicht alle Menschen Deutsch?‘, fragte Tobi. ‚Das ist doch die einfachste Sprache. Da sind die Buchstaben in der richtigen Reihenfolge.‘ Philipp sah ihn von der Seite an. Mutter sagte nichts. Der Pole hatte eindeutig gegrinst. Vater wusste das. Elendiger Bastard.“ (S. 97) Die Jungen orientieren sich im Kreis anderer Jugendlicher, vor allem unter den älteren, die immer mit dem Auto vor der Schule stehen. Bier trinken, rauchen, auch wenn einem zuerst mal schlecht wird davon. Mal „Sieg Heil“ rufen und sich darüber kaputt lachen. Nur dabei sein dürfen, ein bisschen Beachtung finden, damit endlich mal was passiert in diesem Scheißleben. Die Geschichte ist unaufgeregt, besteht aus vielen Details, die zeigen, dass es nicht die eine Ursache des Problems gibt. Es ist ein schleichender Prozess, der nicht nur Jugendliche betrifft, sondern auch viel mit den Erwachsenen zu tun hat. Die großen Fragen des Lebens tun sich auf, nach Identität, Heimat, Werten, Verantwortung. Wer hat sich denn um uns gekümmert?! Neid, Wut, Enttäuschung und Perspektivlosigkeit, das Problem ist vielschichtig. Lukas Rietzschel, der selbst aus der Lausitz und der Generation seiner Protagonisten entstammt, gelingt in seinem Debütroman eine sensible Darstellung dieser ganz normalen Familie, dieser netten Jungs von nebenan, die wir in der Geschichte aufwachsen sehen. Denen fehlt es doch an nichts. Haben ein eigenes Haus, die Eltern arbeiten, die Jungen gehen zur Schule, haben genug zu essen, etwas anzuziehen, können auf den Rummel gehen, bekommen einen Ausbildungsplatz. Also, was fehlt denen? Eine Menge. Mut, Selbstvertrauen und Sinn, Anerkennung, Unterstützung und Vorbilder. Der Roman bietet keine Lösungen an. Aber er macht das Problem deutlich. Für Lösungen sind wir alle verantwortlich in diesem Land. Ein großartiges Buch über ein drängendes Problem. Radikalisierung, ob nach rechts oder in religiöser Richtung, entsteht nicht über Nacht. Unbedingt lesen!
Wow
Cathy | Mlle Facettenreich
Philipp und Tobias, zwei Brüder, die in Sachsen aufwachsen. In der Provinz, mit den Nachwirkungen der Auflösung der DDR. Erwachsenwerden und sich selbst finden, wenn alles um einen herum zerrissen und kaputt ist. Während der eine sich zurückzieht und wegsieht, fast ohnmächtig ist, lebt der andere seinen Frust offen aus. MEINE MEINUNG Wir verfolgen als Leser nicht einfach abwechselnd die verschiedenen Personen, sondern die Erzählweise ist übergeordnet. Fast gleichzeitig liest man die Gefühle und Gedanken aller Beteiligten. Über den Vater, der am Haus baut, zu den beiden Brüdern, die in der Baugrube spielen, zur Mutter, die die Söhne abholt und nach Hause fährt, zurück zum Vater der noch bleibt und dann ein Gespräch mit seinem alten Chef führt. Das gefiel mir sehr gut, auch wenn es anfangs verwirrend sein kann. Je älter die Brüder schließlich werden und ihre eigenen Wege gehen, umso aufgeräumter, strukturierter wird auch die Erzählweise des Autors. Die Geschichte selbst ist sehr ruhig, aber nicht langweilig. Unterschwellig spürt man, wie es lodert, die Wut der Brüder, der Frust, mit dem jeder von ihnen anders umgeht. Eindringliche Momentaufnahmen des Erwachsenwerdens. Schlüsselpunkte in der Entwicklung der beiden Brüder, die es ihnen kaum möglich machen anders zu entscheiden, als sie es letztlich tun. Perspektivlosigkeit die das Leben zweier Brüder unterschiedlich bestimmt. In meinen Augen literarisch besonders und mit Blick auf die braunen Märsche im Land brandaktuell.
1 Wow

mojoreads

log.os GmbH & Co. KG

Dudenstraße 10

10965 Berlin


log.os India Private Limited

301, CScape Building, Pandurangapuram, HPCL Colony

Visakhapatnam, Andhra Pradesh - 530003, India.

+91-6302521306 | content-india@mojoreads.com


© 2019 mojoreads

Select Language :   
Select Language
English