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Mit der Faust in die Welt schlagen
Lukas Rietzschel

Mit der Faust in die Welt schlagen

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SUMMARY
Zwei Brüder, ein Dorf in Ostsachsen und eine Wut, die immer größer wird Philipp und Tobias wachsen in der Provinz Sachsens auf. Im Sommer flirrt hier die Luft über den Betonplatten, im Winter bricht der Frost die Straßen auf. Der Hausbau der Eltern scheint der Aufbruch in ein neues Leben zu sein. Doch hinter den Bäumen liegen vergessen die industriellen Hinterlassenschaften der DDR, schimmert die Oberfläche der Tagebauseen, hinter der Gleichförmigkeit des Alltags schwelt die Angst vor dem Verlust der Heimat. Die Perspektivlosigkeit wird für Philipp und Tobias immer bedrohlicher. Als es zu Aufmärschen in Dresden kommt und auch ihr Heimatort Flüchtlinge aufnehmen soll, eskaliert die Situation. Während sich der eine Bruder in sich selbst zurückzieht, sucht der andere ein Ventil für seine Wut. Und findet es. Lukas Rietzschels Roman ist eine Chronik des Zusammenbruchs. Eine hochaktuelle literarische Auseinandersetzung mit unserem zerrissenen Land.
AUTHOR BIO
Lukas Rietzschel, geboren 1994 in Räckelwitz in Ostsachsen, lebt in Görlitz. 2012 wurde sein erster Text im »ZEIT Magazin« veröffentlicht, seitdem folgten Veröffentlichungen in verschiedenen Anthologien. 2017 war er Gewinner bei poet|bewegt. Für das Manuskript seines Romandebüts wurde er 2016 mit dem Retzhof-Preis für junge Literatur ausgezeichnet.

BOOK DETAILS

EDITION
07.09.2018
TYPE
Hardcover
ISBN
9783550050664
LANGUAGE
German
PAGES
316
KEYWORDS
Ostdeutschland, Nachwende, Provinz, Literaturpreis, deutsche Literatur, Simple Stories, rechter Volksaufstand, überforderte Polizei, Neonazis, Freunde, Antifa, bürgerliche Mitte, Ausschreitungen, Gegenwartsstoff, Coming of Age
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REVIEWS
Reviewed by mabuerele, Anne (milkysilver... and 3 others
mabuerele
milkysilvermoon
johenni
stricki
renee
„...Großvater erzählte über das Werk und seine Fahrten mit der Bahn durch den angrenzenden Wald. In der Kantine gab es Bier, wenn man danach fragte. Er berichtete über Männer, die über Generationen dort arbeiteten. Söhne. Väter. Großväter...“ Die Welt des Großvaters ist eine vergangene Welt in Neschwitz, einem kleinen Ort im Osten Sachsens. Elf Jahre nach der Wende baut Familie Zschornack ein Haus. Die Mutter ist Krankenschwester, der Vater Elektriker nach einer Umschulung. Philipp, der ältere Sohn, empfindet das als Aufstieg. Nun kann er auf manchen seiner Freunde herabsehen. Doch die Euphorie verschwindet schnell. Der Autor hat einen sehr authentischen Gegenwartsroman geschrieben. Fünfzehn Jahre darf ich die Entwicklung der Familie und insbesondere der Söhne Philipp und Tobias begleiten. Dabei tauche ich ein in eine Welt der Trostlosigkeit. Durch den knappen, fast abgehackten Schriftstil wird dieser Zustand besonders betont. „...Uwe öffnete die Haustür und drehte sich noch einmal um. Die Schuhe in der Hand. Das Licht über dem Eingang. Der Carport blieb dunkel…“ Auch Uwes Schicksal, der von Gelegenheitsarbeiten lebt, wird erzählt. Die Frau ging gen Westen, weil sie dort besser verdiente. Er verlor den Job, fand Trost im Alkohol, hatte keine Kraft, sich aus der Lethargie zu befreien. Gerüchte gehen um, er sie bei der Stasi gewesen. Zerbrochene Familien, ehemalige Fabriken, die zu Ruinen verkommen sind und als Abenteuerspielplätze dienen, Hoffnungslosigkeit und Frust sind Punkte, die immer wieder eine Rolle spielen. Von Urlaub ist keine Rede. Alles geschieht in ihrer kleinen Welt. Und dazu kommt der Neid auf die Sorben. Warum und wieso bleibt im Dunkeln. Nach und nach schlägt Frust bei dem einen in Gewalt und Ausländerfeindlichkeit um, bei dem anderen in Resignation. Das Gefühl des Ausgegrenztseins wird mit zunehmenden Alter deutlicher. Und eines deutet sich in wenigen kurzen Sätzen an. Es sind die jungen Männer, die in Perspektivlosigkeit versinken. „...Mich nervt die ganze Scheiße hier. Immer das Gleiche und alles geht vor die Hunde. Immer schon, als wäre das nie anders gewesen...“ Mädchen gehen aufs Gymnasium und ziehen weg. Mit den aussterbenden Dörfern bricht die Infrastruktur zusammen. „...Die Schulen, die sie schlossen, die Sparkassen und die Arztpraxen. Die Kreise, die sie zusammenlegten, die Gemeinde und Städte. Die Wege wurden länger, die Entfernungen größer...“ Familien zerbrechen. Es ist kein Miteinander, nur ein Nebeneinander. Von der Politik fühlt man sich in Stich gelassen. Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Es beschreibt fast sachlich und emotionslos eine Entwicklung, die zur Zeit der Flüchtlingskrise eskalierte. Im Buch ist nicht eine Spur von Aufbruch zu spüren, im Gegenteil. Es liest sich wie eine Abwärtsspirale.
2 Wows
Anne (milkysilvermoon)
Der Ort Neschwitz in Ostsachsen mehrere Jahre nach dem Mauerfall: Philipp und Tobias Zschornack wachsen als Söhne eines Elektrikers und einer Krankenschwester auf. Der Hausbau der Eltern soll der Aufbruch in ein neues Leben sein. Doch dort gibt es auch die Verlierer der Wende. Man fühlt sich vergessen, der Alltag ist geprägt von Gleichförmigkeit und der Angst vor dem Verlust der Heimat. Diese Perspektivlosigkeit wird für Philipp und Tobias immer bedrohlicher. Als der Heimatort Flüchtlinge aufnehmen soll, eskaliert die Situation... „Mit der Faust in die Welt schlagen" ist der Debütroman von Lukas Rietzschel. Meine Meinung: Der Roman besteht aus drei Teilen, die wiederum in mehrere kurze Kapitel untergliedert sind. Die Geschichte spielt zwischen 2000 und 2004, 2004 und 2006 sowie 2013 bis 2015. Erzählt wird vorwiegend, aber nicht nur aus der Sicht von Philipp und Tobias. Dieser Aufbau funktioniert recht gut. Der Schreibstil ist ziemlich kühl und nüchtern. Die Sätze sind meist knapp und schnörkellos. Auch wird auf viele Details verzichtet, was wohl daran liegt, dass der Autor vermutlich eine möglichst allgemeingültige Situation beschreiben wollte. Beim Lesen wird einiges an Aufmerksamkeit gefordert. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen die Hauptprotagonisten Tobias und Philipp, die ich als realitätsnah empfunden habe. Blass sind die Nebenfiguren wie beispielsweise die namenlosen Charaktere von Vater und Mutter. Ein großer Pluspunkt des Romans ist seine Aktualität angesichts des Erstarkens des Rechtsextremismus. Die politische Problematik und die Chronik der gesellschaftlichen Entwicklungen machen für mich den Reiz der Geschichte aus. In dieser Hinsicht regt das Buch zum Nachdenken an. Allerdings bleibt der Roman für meinen Geschmack noch etwas zu sehr an der Oberfläche. Das Cover erweckt Aufmerksamkeit und passt inhaltlich gut. Auch der Titel ist treffend gewählt. Mein Fazit: „Mit der Faust in die Welt schlagen" von Lukas Rietzschel ist keine gefällige, sondern eine unbequeme Lektüre über ein wichtiges und brandaktuelles Thema. Ein Roman, der erklärt, aufrüttelt und betroffen macht.
Wow
Das Cover ist sehr passend zur Geschichte, ich mag es sehr gerne. Das Titelbild ist sehr interessant gestaltet und durch die Farbwahl sehr gut gelungen. Der Schreibstil ist sehr gut und poetisch, was mir sehr gut gefällt. Die Kapitelunterteilung ist gut gelungen und macht das Ganze rund. Das Thema des Buches ist so wichtig und tiefgehend, wie ich kaum ein Buch gelesen habe. Ich stamme selber aus Ostsachsen und kenne die Städte sehr gut, ich fand mich also in vielen Situationen wieder aber auf der Seite, dass ich vieles nich verstehen kann. Dieses Buch hat mich tief berührt und gehört zu meinen must reads! Weil es so schonungslos ehrlich ist. Ich möchte nichts aus dem Buch erzählen weil ich denke es sollte jeder selber lesen und drüber nachdenken. Ich werde noch sehr viel darüber nachdenken und kann dem Autor für so ein wichtiges Buch und seine Geschichte. Danke für nachdenkliche und tiefberührte Lesestunden. Ich habe bei dem Buch etwas länger gebraucht als sonst weil ich es immer wieder weglegen musste!
Wow
Hauptsache es passiert was Was passiert mit einer Jugend, die in der sächsischen Provinz groß wird? Welche Wünsche und Träume haben sie - während um sie herum alles verfällt, Geschäfte und Unternehmen schließen, Bessersituierte in den Westen ziehen. Basierend auf einer Gesellschaft, die durch die Erfahrung der DDR-Zeit stumm und misstrauisch geworden ist. Das Buch beginnt mit der Jahrtausendwende, 11 Jahre nach der Wiedervereinigung. Im Mittelpunkt steht die Familie Zschornack: Vater, Mutter, 2 Söhne, Großvater und Großmutter. Noch ist alles hoffnungsvoll, die junge Familie baut ein Eigenheim, die Brüder stromern durch die ländliche, sächsische Idylle. Nicht allen geht es so gut wie den Zschornacks, da ist Uwe, ehemaliger Arbeitskollege des Vaters, der Anschluss sucht, nachdem seine Frau ihn verlassen hat und er wegen seines Alkoholproblems entlassen wurde. "Leere Läden auf jeder Seite des Ganges."(S.63), Arbeitslose, junge Männer mit Bierflaschen, lungern rauchend vor den gespenstischen Einkaufszentren in Hoyerswerda rum. Schnell fahren die Großeltern am Sonnenblumenhaus vorbei, Anspannung in den Gesichtern. Eine Antwort auf die Frage, was dort passiert ist, erhalten die Brüder nie. Schweigen zieht sich durch das Buch, die Menschen reden nicht mit einander. Den Kindern wird nichts erklärt, oder sie werden mit vagen Andeutungen hilflos sitzen gelassen: "Du bist halt nirgends mehr sicher,"(S.77) so der lapidare Kommentar einer Mutter, als Vater Zschornack den Terror von 9/11 anreißt. Rassistische Sprüche der Eltern, Polen werden als Polacken beschimpft, die sorbische Minderheit ist grundsätzlich selber schuld, wenn sie Opfer von körperlicher Gewalt wird. Selbst ein Hakenkreuz direkt vor der Schule wird verdeckt und entfernt, bei den Jungs bleibt ein diffuses Gefühl von Scham und Angst bei den Erwachsenen zurück. Für die Jugendlichen gibt es nichts in Neschwitz. Das einzig Interessante sind die jungen Erwachsenen, die Hakenkreuz-Schmierer, die mit ihren aufgemotzten Autos vor der Schule rumhängen, um wenigstens von irgendjemandem bewundert zu werden. Es kommt wie es kommen muss, Philipp findet zuerst Anschluss, später folgt ihm der jüngere Bruder Tobias nach. Die Clique junger Männer schlägt die Zeit mit Biertrinken tot, Anführer Menzel macht die Regeln, ein zorniger, verbitterter, hochgradig nervöser Unsympath, unberechenbar, gefährlich. Und weil es keine Alternative gibt, ziehen die Brüder mit. Die klassischen Mitläufer, sie haben nie etwas anderes kennen gelernt, das wird hier überdeutlich. In der Gruppe gelten sie was, wenn sie Fleischabfälle werfen, auf Demos gehen, Schlägereien anzetteln oder Eigentum zerstören. Lukas Rietzschel hat ein großartiges Werk geschaffen! Er schreibt in einer sehr klaren, ruhigen und detailreichen Sprache. Er urteilt nie, er beschreibt. Er wahrt einen großen Abstand zu seinen Figuren - dadurch gelingt es ihm, diese stellvertretend für eine ganze Gruppe stehen zu lassen. Und mit Gruppe meine ich Menschen, die sich als die Verlierer einer Gesellschaft fühlen, die sich abgehängt fühlen, die unreflektiert übernehmen, was andere ihnen einbläuen. Die niemals gelernt haben, dass sie Möglichkeiten haben. Auch wenn sie im direkten Umfeld erleben, dass Veränderungen möglich sind, ziehen sie diese, verbunden mit einer eigenen Anstrengung, nicht in Betracht. Sie wollen nicht umziehen, sie wollen bleiben wo sie sind und dort soll gefälligst alles gut sein. Oder wieder werden. Und weil es gerade nicht optimal ist, sind andere daran schuld. Da die Politik und die Wirtschaft nicht direkt angreifbar sind, braucht es andere Schuldige. Da sind noch Schwächere natürlich ein gefundenes Fressen. Es fällt leicht, diese mit wenig Bildung und vielen Vorurteilen behafteten jungen Menschen mit erhobenem Zeigefinger entgegen zu treten. Genau das kritisiert Rietzschel auch in seinem Buch, so lässt er die Gutmenschen im Zug die jungen Rassisten arrogant belächeln. Was deren Wut nur schürt. Eine einfache oder schnelle Lösung für das Problem Rassismus gibt es nicht, die Ursachen gehen tiefer und lassen sich nicht durch ein Gespräch oder ein Essen mit Fremden lösen. Die Medien und die Politik sind gefordert, Aufklärung zu fördern, und rassistischen Strukturen klar etwas entgegen zu setzen. Jeder von uns ist gefordert. Falls der Autor mit seinem Buch auf- und erklären will, was vielerorts passiert, so ist ihm das meiner Meinung nach hervorragend gelungen. Unbedingt lesen!
2 Wows
Perspektivlosigkeit und Folgen Lukas Rietzschel trägt uns in seinem Roman "Mit der Faust in die Welt schlagen" nach Sachsen, genauer gesagt nach Neschwitz, ein kleiner Ort bei Bautzen und Hoyerswerda. Wir sind bei der Familie Zschornack; der Vater ist Elektriker und die Mutter ist Krankenschwester und beide haben zwei Söhne, einmal Philipp (91 geb) und der zweite ist Tobias (95 geb). Die Handlung ist gegliedert in drei Handlungsstränge/Bücher; Buch 1 2000-2004, Buch 2 2004-2006 und Buch 3 2013-2015. Die Familie baut am Anfang ein Haus, es geht vorwärts, so denkt man, aber so ist es nicht. Die Familienstruktur bröckelt, soweit überhaupt vorhanden. Gleichzeitig kommt man auch mit vielen rassistischen und engstirnigen Vorurteilen in Kontakt, teils auch schon sehr deutliche Grenzüberschreitungen; die leider grassieren in Kreisen, die als perspektivlos und auch bildungsfern gelten, trotzdem fragt man sich woher solches Gedankengut herrührt in unserer Welt, in der ein jeder abgesichert ist. Es gibt ja auch andere Gegenden der Erde, wo das nicht so ist. Und man bekommt Bauchschmerzen. Und man sieht die Söhne, wie sie damit umgehen und wie sie abdriften, in ein rechtsnationales Umfeld. Der Autor schafft es trotz einer recht emotionslos geschilderten Geschichte und ohne komplex gestaltete Charaktere, doch recht viel zu transportieren. Und die Geschichte greift nach dem Leser und lässt auch so schnell nicht los. Man ist in einem Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Und der Autor erzählt nur, er wertet nicht. Das wird dem Leser überlassen. Der geneigte Leser wird einige Ursachen erkennen können, die in Sachsen zu dem Problem führen, dass wir leider haben. Trotzdem fehlen für mich noch einige Blicke in die DDR hinein. Es hätte dem Roman sicher noch gutgetan, zu erklären, dass der Kontakt von Ausländern und der Bevölkerung der DDR einem strengen Reglement unterzogen wurde. Es gab ja größere Gruppen in der DDR; z. B. Kubaner, Angolaner, Mosambikaner und Vietnamesen. Gegenseitige Kontaktaufnahmen waren aber nicht besonders erwünscht und wurden argwöhnisch beobachtet. Vielleicht rührt auch daher ein großes Ressentiment gegen Ausländer in der DDR. Denn so weltoffen wie sich die DDR gab, war sie leider nicht. Gleichzeitig ist dieses Problem ein gesamtdeutsches. Rechtsnationale Kreise und Unzufriedenheit mit dem herrschenden System und der Demokratie gibt es in ganz Deutschland, leider auch basierend auf zurückliegenden Perioden. Wenn es aber in dem Roman heißt: "Es braucht mal wieder einen richtigen Krieg.". Dann weiß man zwar es ist ein Roman. Aber man weiß auch, dass solch ein Denken leider auch in der realen Welt existiert. Und das macht Angst, und gleichzeitig auch ungeheuer wütend. Ich wünsche diesem Buch eine sehr große Leserschaft und möglichst viel Raum zum Reden. Denn nur Konversation kann hier meiner Meinung noch helfen.
Wow
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