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"Immer, wenn sie nach ihrer Kindheit gefragt wurde, sagte sie, dass diese in einem anderen Land lag und von dort nicht einfach hervorgeholt werden konnte. Man brauchte einen Pass, um in dieses Land zu kommen, weil es seine Grenzen so scharf bewachte wie kein anderes. Dass man aber, selbst wenn man noch über einen Pass verfügte, nicht mehr dorthin reisen konnte, weil es bereíts eingegangen war, eingegangen in das Land, in dem sie jetzt lebten"

Marianne heißt sie und sie ist unterwegs zu ihrer Familie. Genauer gesagt, zu denen, die davon noch übrig sind, Ihrem Bruder und ihrer Mutter, die beide noch wie damals in ihrem Elternhaus leben, einer Bruchbude an einem See irgendwo im mecklenburgischen Outback. Sie reist zum Begräbnis ihres Vaters. Und sie reist mit schwerem Gepäck, nämlich der ganzen Bürde einer verpfuschten Jugend in einer Familie, in der der Vater, ein traumatisierter Kriegsheimkehrer und gefühlloser Sadist, seine ganze eigene Scham und Verzweiflung permanent in Alkohol ertränkt und seine Minderwertigskeitskomplexe durch unkontrollierte verbale und körperliche Gewaltattacken an der Familie abreagiert, während die Mutter, schwach und phrasendreschend, ihre Kinder vollständig im Stich lässt und in Schweigen und Duldung der Geschehnisse erstarrt. Nichts verbindet sie seit Jahren mehr mit dieser Familie, nicht mal mehr mit ihrem Bruder, der von seinem Vater so lange zusammengeschlagen wird, bis er geistig deformiert und handlungsunfähig zurück bleibt, während seine Schwester irgendwann, wenn auch unter schwersten Begleitumständen, den Absprung aus dieser Hölle schafft. Und dennoch führt sie ihr Weg nochmal zurück in diese verdrängte, aber nie vergessene Welt.

Der Autorin ist ein aus meiner Sicht überwältigend gut geschriebenes, tief und ehrlich, wie autobiografisch empfundenes Buch gelungen, das mich mit seiner mal lakonischen, harten, dann wieder völlig emotionalen, feinen Sprache sofort in Beschlag genommen hat. Wie gebannt verfolgt man die Geschichte dieser völlig kaputten Familie, empfindet mit, wie diese mehr und mehr unter den widerlichen Machenschaften eines einzelnen Menschen zerbricht. Der zum Schluss, wenn er alles kaputtgetreten und am Boden hat, endlich selbst in die Rolle des Schwachen, Passiven abrutscht. Die so traurigen wie realistischen Geschehnisse in einer Not- und Zweckgemeinschaft, wie sie sich in den Wirren der Nachkriegszeit wohl zu abertausenden so oder ähnlich abgespielt haben mag. Geschickt und permanent wechselt Preiwuß zwischen den Zeitebenen, rollt hier die ganze Jugend der bedauernswerten Geschwister von hinten auf, lässt den Leser bis ins Mark teilhaben an deren Angst und Verzweiflung, an ihrer hilflosen Wut auf ihren Erzeuger, und erlaubt ihm dann die Begleitung einer erwachsenen Frau auf ihrer Reise in ihre Vergangenheit, die sich vor Ort dem ganzen Erlebten noch mal stellt, in sich hineinhört, versucht, zu verstehen und zu begreifen, ganz tief im Innern vielleicht sogar hofft, mit sich und ihren ungeliebten Blutsverwandten endlich ins Reine zu kommen, inneren Frieden für sich zu finden. Aber es ist ihr nicht vergönnt. Nichts hat sich verändert. Was sie vorfindet, ist Gleichgültigkeit, Leere und Unverständnis, sogar beim eigenen Bruder, der gebrochen vor sich hin vegetierend seiner Schwester deren Stärke missgönnt und neidet. Schlimmer kann keine Familie zerbrechen.

Ein intensives, irgendwie todtrauriges Buch mit einer Wortkraft, die es schafft, dem Leser streckenweise die Luft abzuschnüren.
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Kerstin Preiwuß
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