Der Ausgangsplot ist alt und bekannt: älterer homosexueller Intellektueller trifft auf jungen Proletarier. Das gab es bereits im Götterhimmel (Zeus trifft Ganymed), kommt bei Nobellpreisträgern vor (Der Tod in Venedig)* und tauch immer wieder in der erotisch-pornografischen Literatur auf. Dennoch schafft es Garth Greenwell in seinem Erstlingswerk, einen neuen und zeitaktuellen Blick auf diese Thematik zu werfen.

In dem Roman ist es ein Amerikaner, der beruflich nach Bulgarien versetzt wurde. Auf einer Klappe, einem Treffpunkt für homosexuelle Kontakte, trifft er auf Mitko. Diesem kann er sich nicht entziehen. In Mitko findet der Ältere das, was in seinem Leben fehlt: Begeisterung, Naivität, Selbstbewusstsein, Radikalität, ein unverplantes Leben. Das, was er im Austausch dafür gibt, ist für ihn leicht zu verschmerzen: ein bisschen Geld, dann und wann ein Obdach, ein Handy, einen Internetzugang.
Der Amerikaner weiß um seine Situation und beschönigt nichts. Trotzdem (oder deshalb?) genießt er die Zeit zu zweit.
Schließlich muss der Expat sich wegen einer Geschlechtskrankheit medizinisch behandeln lassen. Das Kapitel, in dem seine Erfahrungen in einem bulgarischen Krankenhaus beschrieben werden, gehören zu den shrägesten Momenten in dem gesamten Roman. Es ist davon auszugehen, dass auch Mitko infiziert ist. Doch Gesundheit kostet Geld. So geht es in dem Roman irgendwann buchstäblich um Leben und Tod.

Der Roman schafft es, die Konfrontation mit eigenen Sehnsüchten zu beschreiben. ohne in irgendwelche Klischees zu verfallen. Aus der Sicht des Amerikaners geschrieben, ist der Stil kultiviert und sachlich. Der Protagonist hinterfragt sich und seine Umgebung. Das macht es für die Lesenden interessant: denn neben der (Love-?)Story thematisiert das Buch ganz unauffällig das Verhältnis zwischen prosperierenden und weniger begüterten Staaten. Wirtschaft und Politik wirken bis in einzelne Zweierbeziehungen hinein. Ohne zum Sozialdrama abzugleiten, öffent der Autor vielen Blickwinkel und enthält sich dabei jeder Bewertung. Das macht das Lesen nicht nur angenehm, sondern trägt auch zu einer Aktivierung der eigenen Meinungsbildung bei. Prädikat: wertvoll!


* Okay: Tadzio entstammt nicht dem Proletariat...
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Daniel Schreiber, Garth Greenwell
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