Falls Du dachtest, Du lebst in turbulenten Zeiten, in einer Ära des Umbruchs mit Neuerungen, mit denen man kaum Schritt halten kann, dann hast Dich getäuscht. Wir gleiten auf einem ruhigen Flüsschen dahin; jedenfalls vergleichen mit den Turbulenzen, die Europa in den ersten 14 Jahren des 20. Jahrhunderts erlebte.

Die Moderne: was macht sie aus?

Wenn man mitten in einem Zeitgeist lebt, ist es oft recht schwierig, diesen Zeitgeist als solchen wahrzunehmen und seine Besonderheiten zu beschreiben. Man steckt mittendrin, hat keinen Abstand zu den alltagsgestaltenden Phänomenen und alles erscheint „normal“. Den Chinesen erscheint normal, keinen Plural in ihrer Sprache zu verwenden. Sie wissen ja, dass wenn jemand erzählt, er habe „fünf Stuhl“ gekauft, es mehrere Stühle sind. Wozu also ein Extra-Wort dafür, wenn die Kombination aus dem Singular plus einer Mengenangabe die gleiche Information liefert. Uns erscheint das merkwürdig, weil wir mit Abstand auf diese kulturelle Eigenschaft blicken.

Lass uns ein Experiment starten: ich bitte Dich, den Versuch zu unternehmen, mit etwas Abstand auf unsere kulturelle Gegenwart zu blicken. Angenommen, ein Mensch des 18. Jahrhunderts würde uns besuchen: welche Dinge, die uns alltäglich sind, würde er als Kennzeichen unseres heutigen gesellschaftlichen und kulturellen Lebens wahrnehmen? Was gehört so unmittelbar zu unserem täglichen Dasein, dass wir es als „normal“ hinnehmen? Was gehört also Deiner Ansicht zur „Moderne“?

Ich weiß natürlich nicht, was Dir bei dieser Frage einfällt. Ich denke an folgende Erscheinungen:

Elektrizität
Ohne Strom läuft heute gar nichts mehr. Stromausfall macht uns geradezu ohnmächtig und die Vorstellung, wie das Leben früher ohne Elektrizität ausgesehen hat, verlangt uns einige Fantasie ab. Die meisten Stromanwendungen nehmen wir als solche gar nicht mehr wahr.

Mobilität
Die Welt wächst immer mehr zusammen, weil die Entfernungen zu schrumpfen scheinen. Auch Reisen in andere Länder oder auf andere Kontinente sind in überschaubarer Zeit möglich geworden. Mal eben von München nach Hamburg zu fliegen ist inzwischen nicht mehr der Rede wert. In der Bundesrepublik sind derzeit knapp 52 Millionen Automobile unterwegs, weltweit wurde die Milliardengrenze 2009 geknackt; die Zahl der PKWs nimmt stündlich auf dem Globus zu. Wir werden immer unsteter und mobiler.

Demokratie
Auch wenn demokratische Strukturen immer wieder neu verteidigt und errungen werden müssen, gab es dennoch noch nie in der Geschichte der Menschheit so viele demokratisch geführte Staaten wie heute. Die Mitbestimmungsmacht des Bürgers löst Herrschaft durch Vererbung (z.B. in den Adelsstand geboren zu sein) ab. Nach den Berichten von Freedom House, einer amerikanischen Organisation, die die Entwicklung der Demokratie weltweit beobachtet, gab es im Jahre 1900 weltweit 55 souveräne Staaten, von denen keiner eine Demokratie war. Dies liegt daran, dass die freiheitlich verfassten Staaten dieses Jahres kein passives Wahlrecht für Frauen kannten, was nach den Kriterien von Freedom House eine Grundvoraussetzung für eine Demokratie ist. Im Jahr 1950 gab es unter den nunmehr 80 souveränen Staaten immerhin schon 22 Demokratien. Für 1999 zählt Freedom House 192 souveräne Staaten und fast die Hälfte, 85 Staaten, zu den Demokratien.

Wirtschaftsmacht
Gerade aktuell erleben wir hautnah, dass weder Politik noch Religion das Sagen haben, wenn gesellschaftliche Entscheidungen getroffen werden. Es ist die geballte Macht der Wirtschaftselite, die die Fäden zieht. Dem wirtschaftlichen Druck müssen sich alle unterordnen: Familien, Natur, Arbeiter, Bildungseinrichtungen, Kunstschaffende etc. Geld spielte natürlich auch in früheren Gemeinschaften eine Rolle – doch dass virtuelles Geld, die Spekulation an den Börsen ganze Völker mit dem Hungertod bedrohen kann, weil beispielsweise der Getreidepreis künstlich in die Höhe getrieben wird, ist eine Erscheinung der Neuzeit. Nicht gerade eine, auf die wir stolz sein können.

Tempo
Die Welt ist schnell geworden. Kaufe ich einen Computer, muss ich mich beeilen ihn nach Hause zu bringen. Warte ich damit zu lange, ist er bereits zum Oldie geworden weil ein neueres, besseres, aktuelleres Produkt schon auf dem Markt ist. Die Geschwindigkeit im Verkehr hat zugenommen. Von Köln nach Frankfurt in einer Stunde mit der Bahn ist heute möglich; eine Reise die früher die doppelte Zeit in Anspruch nahm. Allgemein hat sich das Sprechtempo erhöht; wir bringen heute in einer Minute deutlich mehr Laute über die Lippen als vor zweihundert Jahren. Fünf Minuten auf den verspäteten Bus zu warten macht uns hektisch. Radiobeiträge unterliegen der 30-Sekunden-Schere; längere Beiträge traut der Dudelfunk seinen Hörerinnen und Hörern nicht zu. Es muss schnell gehen! Auf bestellte Ware warten wir ungern mehrere Tage. Wir haben uns daran gewöhnt, dass alles blitzschnell zur Verfügung steht. „Just in time“ ist nicht nur bei McDonalds Motto, wo laut Firmenvorgabe kein Kunde länger als 50 Sekunden auf seinen Burger warten muss. Nie ging Essen so fix. Selbst das Aufkochen der Fünf-Minuten-Terrine ist dagegen Ritual meditativer Langsamkeit.

Psychologie
Kennen Sie einen Lebensbereich, der heutzutage ohne Psychologie auskommt? Ich nicht. Wer einen Supermarkt plant, greift auf Erkenntnisse der Verkaufspsychologie zurück. Lehrer sollten lernpsychologische Studien in Praxis umsetzen. Mediziner forschen immer mehr nach psychosomatischen Ursachen der Krankheiten. Anwälte argumentieren nicht nur juristisch-sachlich, sondern nutzen Psycho-Tricks, um für ihre Mandanten das beste Ergebnis vor Gericht heraus zu holen. Sportler werden mental durch Psychologen auf Wettkämpfe vorbereitet. Die „psychologische Kriegsführung“ ist in allen Armeen der Welt Rüstungsbestandteil. Der Markt psychologischer Therapieansätze boomt. Wir sind durch und durch psychologisiert. Das Wissen, dass unser Unterbewusstsein ein zentrales Steuerungselement unseres Handelns zu sein scheint, gehört zur Allgemeinbildung.

Kommunikation
Soziologen bezeichnen unsere gegenwärtige Sozialform als „Informationsgesellschaft“. Natürlich auch durch das Internet werden wir geradezu überflutet mit Nachrichten, Gerüchten, Informationen, Spekulationen, Hinweisen, Tipps, Einblicken, Ausblicken, Forschungsergebnissen, Schreckensmeldungen, Hintergrundinformationen, Berichten, Enthüllungen, Reportagen, Eil-News, Fake-News und so weiter. Heute gilt: man muss nichts können, man muss nur das Richtige wissen. Wer keinen Zugang zu Informationen hat ist schnell weg vom Fenster. Informationen müssen kommuniziert werden. Dafür gibt es einen gigantischen Apparat an Informationstechnologie. Jede Belanglosigkeit wird immer schneller zur allgemeinen Verfügbarkeit bereit gestellt: Handys senden automatisch Daten über den Aufenthaltsort des Benutzers an soziale Netzwerke: „ich bin im Cafe Lecker, Hautpstraße 2, Münster“. Wir sind alle bestens informiert und kommunizieren permanent mit der ganzen Welt.

Sicherlich gibt es noch weitere Merkmale, die das Lebensgefühl der Gegenwart zum Ausdruck bringen. Doch die oben genannten sechs Erscheinungsformen gehören auf jeden Fall zu einer Beschreibung der Moderne dazu.

Philipp Blom, der Autor von "Der taumeldne Kontinent" weist nach, dass alle oben genannten Elemente der Gegenwart ihre Geburtsstunde im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hatten. Zu keiner anderen Zeit hat sich die Welt so sehr verändert, wie in diesen zehn bis fünfzehn Jahren. Blom lässt keinen Lebensbereich aus. Als Leserin / Leser wirst Du Zeugin / Zeuge einer Zeit, in der buchstäblich alles ins Wanken geriet. Der Kontinent driftete ins Taumeln ab.

Ein Achterbahn-Sachbuch, das mich faszinierte, mich schwindelig machte und mir verdeutlichte, dass es sinnvoll sein kann, die Gegenwart im Verhältnis zu Zeitepochen der Vergangenheit zu sehen. Das schärft, die Bedeutung oder Belanglosigkeit all der Säue zu verstehen, die aktuell durchs globale Dorf getrieben werden.
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Der taumelnde Kontinent
Der taumelnde Kontinent
Philipp Blom
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