Ein Sittengemälde? Ein Kriminalfall? Ein menschlicher Abgrund? Ein gesellschaftliches Versagen? Ein Blick in die Vergangenheit?
Das Buch von Michael Hagner ist nicht einfach zu klassifizieren. Es ist alles zusammen und doch noch etwas anderes.

Der Autor nimmt sich eines Vorfalls an, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts ereignete. Ein 23jähriger Jurastudent, der in einer wohlhabenden, großbürgerlichen Familie als Hauslehrer angestellt war, hatte einen seiner Zöglinge zu Tode geprügelt. Es war nicht das erste mal, dass er die beiden vorpubertären Jungen verletzte. Regelmäßig wurden sie von ihm gezüchtigt, u.a., weil sie angeblich onaniert hätten. Nach dem Tod des Jungen lässt sich vieles nicht mehr hinter der Fassade der Anständigkeit verstecken; auch wenn der Vater des Opfers das versucht, fürchtet er doch um seine Reputation als Direktor eines angesehenen Geldinstituts.
Der Vorfall dient als Präszidenzfall und wird von allen seinerzeit aufstrebenden Wissenschaftsbereichen für sich ausgeschlachtet: Soziologie, Pschologie, Pädagogik. Letztlich wird sogar erzieherischer Sadismus nach Andreas Dippold, eben jenem Hauslehrer, benannt: "Dippoldismus".

Michael Hager hat sich knietief in die Materie eingearbeitet und einen unglaublichen Fundus an Quellen zusammengetragen und Akten durchforstet, darunter private Tagebuchaufzeichnungen und Briefe. Er beginnt seinen Bericht über den Vorfall weit vor dem Tötungsdelikt und zeigt damit auf, an welchen Schaltstellen wer jeweils versagte und sich direkt oder idnriekt mitschuldig gemacht hat. Er zeigt zudem, wie Gewalt gegen Schwache geduldet wurde, sofern man eine halbseidene Begründung lieferte. Er zeigt aber auch, wie Personen und Institutionen unterschiedlicher Interessen den Fall für sich ausnutzen und ausschlachten; wie Verantwortung weitergeschoben wird und sonst hoch gelobte Tugenden einen doppelten Boden erhalten. Das heißt jedoch nicht, dass er den Täter in Schutz nimmt; ganz im Gegenteil. Allerdings erweitert er den Blick und formuliert die These, dass eine Gewalttat zugleich ein Spiegelbild gesellschaftlicher Prämissen und Normen darstellt.

Mancher Leserin und manchem Leser werden es zu viele Details sein, zu viele Zitate, zu viele Einzelheiten und scheinbare Nebensächlichkeiten. Doch es lohnt, sich all das anzuschauen, denn nur dann entsteht ein komplexes Gesamtbild.

Warum lohnt es sich, sich in eine Angelegenheit zu vertiefen, die mehr als 115 Jahre her ist? Weil - und das ist der besondere Clou an dem Buch - die Strukturen, die diesen Totschlag ermöglichten, denen nicht unähnlich sind, in denen wir heute leben. Michael Hager ist es gelungen, strukturelle Ähnlichkeiten zu benennen, ohne einen platten Damals-heute-Vergleich aufzustellen. Es ist dem / der Lesenden selbst überlassen, Parallelel zu finden - und die findet man leicht. Der "Fall Dippold" hat seinerzeit großes mediales Aufsehen erregt; ähnlich wie der "Fall Oury Jalloh" heute. Wenn Schwache zu Opfern werden, lohnt es sich, genauer hinzuschauen, was es möglicht macht, dass sie Opfer bleiben.

Wer sich für Soziologie, Kriminalität, Psychologie und / oder Geschichte interessiert, wird von diesem Buch gefesselt werden.
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Der HauslehrerDer Hauslehrer
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Michael Hagner
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