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Aktuell steht der Autor und Essayist Robert Menasse in der Kritik. Er hat in politischen Schriften dem CDU-Politiker und ehemaligem 1. Vorsitzenden der EWG Walter Hallstein falsche Zitate untergejubelt. Das ist natürlich nicht legitim. Doch ich plädiere dafür, diese Vorgehensweise von Menasses schriftstellerischem Tun zu differenzieren. "Die Hauptstadt" ist Fiktion, ein Roman. In einem Roman kann, aber muss nichts der Wirklichkeit entsprechen. Die Geschichte, die der Autor in diesem Roman erzählt, dockt zwar an vielen Punkten an die Realität an, doch wer den Fehler begeht, einen Roman als Tatsachenbericht zu lesen, verwechselt Äpfel mit Birnen.

"Die Hauptstadt" ist eine Satire auf Entscheidungswege bürokratischer Strukturen in der EU. Alles beginnt mit einem Wildschwein, das durch Brüssel läuft - ein symbolträchtiges Startbild für einen Roman, der die Verkrustungen der Behörden und Institutionen umpfügt. Dabei begegnen uns viele Einzelpersonen mit sehr unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen. Unter anderem Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission. Sie übernimmt die schwierige Aufgabe, das Image der Kommission aufzupolieren. Schließlich steht dafür eine Idee im Raum, die sich nicht so schlecht anhört. Doch je mehr Personen und Ereignisse involviert werden, um so absurder werden die Versuche, die Grundidee zu retten und zugleich alle Interessen unter einen Hut zu kriegen.

Die Figuren sind in ihren Eigenheiten und ihrer Historie überzeugend und vielschichtig angelegt. Jede einzelne Entscheidung und Handlung ist nachvollziehbar - und dennoch vieles überraschend. Der Roman nimmt immer mehr Fahrt auf und die verschiedenen Fäden werden schließlich zu einem großen Quilt zusammengewoben. "Ein großer Wurf" urteilte DIE WELT-Rezensent Philipp Haibach - und in diesem Fall muss ich ihm zustimmen. Nicht nachvollziehbar ist für mich hingegen die Kritik, hier würde ein Verschwörungsroman vorliegen, der "ein fest geschlossenes, links-westeuropäisches Weltbild" (Roland Freudenstein im Tagesspiegel vom 12.01.2018) zementiere. Ist ein Plädoyer für ein vereintes Europa, das "Die Hauptstadt" trotz der Strukturkritik zweifelsohne ist, sofort ein "links-westeuropäisches Weltbild"?

Man darf Spaß haben an den Absurditäten der europäischen Bürokratie und sich trotzdem für die europäische Idee begeistern. Das führt Menasse in seinem lesenswerten Roman vor. Wie gesagt: "ein großer Wurf".
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Die Hauptstadt
Die Hauptstadt
Robert Menasse
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Rate this book
avg rating
5 Wows
12 January, at 17:30
Christina Striewski
Klingt ganz nach Menasse: klug zugespitzt. Ich finde ja bei ihm schon manche Titel einfach großartig, "Schubumkehr" z.B. oder "Selige Zeiten, brüchige Welt".
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